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Martin Horat, Muotathaler Wetterschmöcker

«Ich gebe meine Prognosen ohne Garantie ab»

«Bis Mitte Monat ist in der ganzen Zentralschweiz Regen und Nässe zu erwarten.
Vor dem 20. Wetterbesserung. Nachher ca. 10 Tage ist der Vierwaldstättersee weitherum mit schwimmenden Menschen überdeckt, da sie es auf dem Lande vor Hitze fast nicht mehr aushalten.» Martin Horats Wetterprognosen für Juli 2002, publiziert in den «Mitteilungen der Innerschwyzer Meteorologen», versprechen einiges. Seit 1987 ist er einer der Muotathaler «Wetterschmöcker», die mit ihren waghalsigen Prognosen immer wieder von sich reden machen. Zweimal jährlich prophezeien sie das Wetter, geben für jeden Monat drei Prognosen für den Bezirk Schwyz mit seinen 15 Gemeinden ab. Der Prophet mit der grössten Trefferquote wird von einer Jury zum «Wetterkönig» ernannt. «Seit ich dabei bin, war ich neunmal Wetterkönig, einmal sogar fünfmal hintereinander», erzählt Horat. Den Spitznamen «Wettermissionar» trägt er, weil er vor Vereinen und Schulklassen Predigten übers Wetter hält.

Wie er zu seinen Prognosen kommt, lässt sich der Wetterprophet aus Rothenthurm nicht entlocken. «Das verrate ich sicher nicht. Ein Zauberer sagt ja auch nicht, wie ers macht.» Nur so viel gibt er preis: Manche beobachten Wildtiere, Wasserquellen, die Winde. Einer seiner Kollegen liest aus den Frauen. Der sei schon zweimal Wetterkönig geworden. Aber wie der Holdener Martin das mache, wisse er auch nicht. Für das Wetterschmöcken brauche es eine spezielle Begabung und viel Erfahrung. Unter anderem studiere er die alten Bauernregeln und die historischen Schriften im Staatsarchiv in Schwyz. Beruflich – er betreibt einen Sensenhandel – treffe er viele Bauern, komme in die entlegensten Täler. Da ergebe sich mancher Schwatz übers Wetter. «Wenn man das Wetter prophezeit, muss man wissen, wie es früher war.» An die Klimaerwärmung glaubt er nicht. Alles schon mal da gewesen. Ohne Mühe ruft er sich vergangene Wetterlagen in Erinnerung: Sommer 1976? Einer der heissesten, aber lange nicht so trocken wie der von 1540. Winter 1989? Einer der schneeärmsten.

Wetterpropheten gibts im Muotathal schon seit über 250 Jahren. 1947 schliesslich haben sie sich zusammengeschlossen. Der Legende nach trafen sich vier dieser Originale bei einer Beerdigung, auf die ein Trinkgelage folgte, das bis zum nächsten Morgen andauerte: «In ihrem ‹Cheib› beschlossen sie, einen Verein zu gründen», schmunzelt Horat. Einer der Gründer, Zacharias Föhn, überlebte die Vereinsgründung nur um vier Monate. Nach einer Versammlung stürzte er auf dem Heimweg eine Felswand hinunter. Der Föhna Zächl sei ein guter Wetterprophet gewesen und ein rechter Schalk, denn er habe die Bauern, die ihn konsultierten, gerne in die Irre geführt. Auch er selber werde regelmässig von Bauern um Rat gefragt. Und wenn er mit seinen Prognosen falsch liegt? «Ich gebe meine Prognosen ohne Garantie ab. Und wenn ich mal daneben gehauen habe, kann ich immer noch sagen, sie hätten mich falsch verstanden», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Der Meteorologen-Verein zählt heute 1150Mitglieder. Sie erhalten zweimal jährlich die Mitteilungen der Propheten und können an der Generalversammlung, an der es jeweils hoch zu und her geht, teilnehmen. Der Verein ist nicht zuletzt humoristisch ausgerichtet: «Als Vizepräsident bin ich auch für den Schabernack zuständig», sagt Horat. Schluss mit lustig wars in der Vereinsgeschichte erst einmal, als der Meteorologe Jörg Kachelmann, selbst Mitglied, die Muotathaler Wetterpropheten humorlos und öffentlich der Scharlatanerie bezichtigte und in der Folge ausgeschlossen wurde.

Aus: Bulletin der Credit Suisse 3.02