texthafen - Spracharbeiten

Hugo Faas, Konzertveranstalter

«Wir können von anderen Kulturen mindestens so viel lernen wie sie von uns»

Die kalte Wintersonne scheint auf das Zürcher Industriequartier. Der Verkehr lärmt hier, wo einst Zahnräder und Schiffsbestandteile hergestellt wurden, über die Autobahnzubringer. Die Industrie befindet sich auf dem Rückzug, die qualmenden Schornsteine werden immer weniger. Einzug halten dafür immer mehr trendige Restaurants, Kinokomplexe und Kulturstätten. Im ehemaligen Schiffbauareal hat auch das «Moods», Zürichs renommiertestes Jazzlokal, eine neue Heimat gefunden.Das Internet sei schuld am allgemeinen Sprachverfall. Das behaupten Kulturpessimisten. Stimmt nicht, erwidern die Sprachwissenschaftler. Und überhaupt: welcher Sprachverfall?

Hugo Faas veranstaltet hier seine «Weltmusikwelt»-Reihe. «faascinating concerts», seine Ein-Mann-Agentur, feiert heuer ihr zehnjähriges Bestehen. «Musik war für mich immer etwas, das Brücken schlägt», sagt Hugo Faas. Schon während seiner Unizeit veranstaltete er Konzerte, gründete 1974 zusammen mit anderen die Kulturstelle, wo neben Jazz, seiner grossen musikalischen Liebe, auch Rock, Folk und Klassik auf dem Programm standen. «Ich war immer davon überzeugt, dass Musik, die mir Freude bereitet, auch anderen gefällt», antwortet er auf die Frage, wieso er Konzertveranstalter geworden sei. Das Studium der Sozialwissenschaften hängte er ein Jahr vor dem Abschluss an den Nagel – er hatte seinen Beruf schon gefunden. Um das zu tun, was er am liebsten tat und am besten konnte, habe er nun wirklich keinen Universitätsabschluss gebraucht, schmunzelt er.

Hugo Faas spricht leise, spuckt keine grossen Töne. Er drängt sich keinesfalls in den Vordergrund, überrascht dafür umso mehr mit seinem hintergründigen Humor. Ins Scheinwerferlicht tritt er nur, wenn er seine Künstler ansagt, zurzeit etwa bei 30 Konzerten pro Jahr. Er präsentiert Musikerinnen und Musiker aus allen Ecken der Welt, von der Crème de la crème des Flamenco bis zu tunesischen Lautenspielern und südafrikanischen Chören. Er vermittelt nicht nur zwischen westlichem Publikum und aussereuropäischen Musikern, sondern initiiert auch gerne Projekte mit Musikern verschiedener Herkunft. So geschehen mit dem Harfenisten Andreas Vollenweider – «einer der Weltmusiker der ersten Stunde» – und dem Jazzpianisten Abdullah Ibrahim, dessen Europaaktivitäten er koordiniert. Auch sonst ist Faas der geborene Kultur-Kuppler. Beinahe gleichzeitig mit der Gründung von «Weltmusikwelt» vor zehn Jahren entstand auch die «KulturbruggRorbas-Freienstein-Teufen», wo er die Kultur quasi vor der eigenen Haustüre ins Rollen bringt.

Zehn Jahre lang war Faas im Management von Andreas Vollenweider tätig. Der administrative Aufwand hätte immer mehr seiner Zeit in Anspruch genommen, erinnert er sich. Und die Freundschaft zwischen Vollenweider und ihm habe zu leiden begonnen. Zudem habe er sich schon immer auch für andere Musikformen interessiert und darum die Chance zum Wechsel ergriffen. «Finanziell ist dieser Entscheid sicher nicht klug gewesen», bemerkt er ohne Reue, doch dafür seien sie heute noch Freunde, und das sei gut so.

Hugo Faas pickt die Rosinen aus dem Weltmusik-Kuchen Zu Beginn der Neunzigerjahre war der Begriff «world music» plötzlich in aller Munde. Alles, was nicht näher zugeordnet werden konnte, wurde mit diesem willkommenen Etikett versehen. «Das hat zur Folge, dass auch aller Ramsch mit einfliesst. Die grossartigsten Werke aus der persischen oder indischen Hochkultur stehen neben irgendwelchem Synthesizer-Gesäusel, kombiniert mit einer indischen Trommel», bedauert Hugo Faas. Der Weltmusik-Boom habe seine Arbeit etwa zu gleichen Teilen positiv und negativ beeinflusst. Mittlerweile sei die Musik der ganzen Welt auf CD erhältlich. Seine Aufgabe sei es, «die Rosinen herauszupicken».

Immer wieder gelingt es ihm, diese Rosinen zu finden und seinem stetig wachsenden Stammpublikum zu präsentieren. In über 30 Jahren als Veranstalter hat er einen sechsten Sinn für musikalische Exzellenz entwickelt. Viele Musiker, die er für die Schweiz entdeckt hat, kehren später in grösserem Rahmen zurück – bei einem anderen Veranstalter. «Die ganz grossen Namen sind für mich finanziell nicht machbar. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe. Etwas rein aus Prestigegründen zu machen, interessiert mich nicht.» Ihn reizen jene, die noch nicht berühmt sind, die verborgenen musikalischen Juwelen. Auch das sei finanziell nicht klug, bemerkt er verschmitzt, «aber ich kann das einfach nicht». Sein Antrieb ist die Freude an der Musik – der Live-Musik, und er möchte andere daran teilhaben lassen. Als Veranstalter ist er in erster Linie Gastgeber und schätzt den Kontakt mit den Musikern. Und er sieht seine Konzerte immer auch als Brücken zwischen den Kulturen: «Wir sollten aber von der kolonialistischen Denkweise wegkommen und aufhören zu glauben, wir seien die einzigen, die Brücken bauen können. Wir können von anderen Kulturen mindestens so viel lernen wie sie von uns. Wenn nicht mehr.»


Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.02