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Schriftsteller Paulo Coelho

«Wir müssen die Bombe der Intoleranz entschärfen»

Wenn er nicht gerade an einem Bestseller schreibt, kämpft der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho für eine bessere Welt.

 
In Ihren Büchern geht es in erster Linie um spirituellen, aber auch um handfesten Reichtum. In Ihrem neusten Werk «Der Dämon und Fräulein Prym» verdirbt die Aussicht auf plötzlichen Reichtum den Charakter eines ganzen Dorfes. Sie sind weltweit einer der erfolgreichsten ...

... und reichsten! (Paulo Coelho lacht schallend)

... Autoren. Hat Sie das viele Geld verändert?
Ich war immer reich. Reichtum ist nicht in erster Linie mit dem Geld verbunden, das man hat. Es geht vielmehr darum, was man damit macht, ob man es zu seinem Vorteil zu nutzen weiss. Als ich noch ein Hippie war, bereiste ich mit nur 200 Dollar die ganzen Vereinigten Staaten und einen Teil von Mexiko. Mit fehlte es an nichts: Ich hatte genug zu essen, eine Freundin und viel Spass. Was ist Reichtum? Doch nur die Möglichkeit, das zu tun, wonach einem gerade der Sinn steht. Und mit diesen 200 Dollar konnte ich all das tun, was ich wollte. Heute habe ich zwar mehr Geld, aber wenn ich das Leben nicht geniessen kann, bin ich trotzdem arm dran. Worauf es wirklich ankommt, ist, dass der Mensch seine Träume verwirklichen kann. Das ist wahrer Reichtum.

Geld allein macht also nicht glücklich. Da könnten Sie Ihres ja ebenso gut verschenken.
Ich begann zu schreiben, als ich schon relativ alt war, mit 38, in einem Alter, in dem die meisten Leute nichts Neues mehr anfangen. Es wird eher von einem erwartet, endlich etwas zu Ende zu bringen. Es war immer mein Traum gewesen, Schriftsteller zu sein, ich hatte die Umsetzung aber immer wieder aufgeschoben. Als ich meinen Traum endlich erfüllt sah, war ich sehr zufrieden. Doch vielen Leuten in meiner Nähe geht es schlecht. Sie haben zu wenig zu essen, keine Chance, ihre Träume zu verwirklichen, sind frustriert. Ich merkte, dass ich keine Insel bin: Ich kann nicht zufrieden leben, wenns um mich herum unglückliche Leute gibt. Es gibt viele Dinge, die ich nicht ändern kann. Ich kann die Einstellung eines Menschen gegenüber seinem Schicksal nicht ändern. Also habe ich nicht versucht, die ganze Welt zu verändern, sondern beschloss, es in meinem Viertel zu versuchen. Ich habe das Instituto Paulo Coelho gegründet, das sich momentan um 310 Kinder und deren Erziehung kümmert. Dafür steht ein jährliches Budget von 400'000 Dollar zur Verfügung. Natürlich benütze ich auch meinen Ruhm, meinen Erfolg, um auf die Regierung Druck auszuüben, damit die Grundlage für die Ärmsten verbessert wird. Das Gewissen regt sich, wenn man merkt, dass man keine Insel ist.

Wählen Sie die Projekte, die unterstützt werden, selbst aus?
Nein, nein. Meine Frau Cristina kümmert sich darum. Als wir das Institut gründeten, war klar, dass das Geld für Projekte in unserer Nachbarschaft bestimmt sein sollte. In der Nähe meiner Wohnung in Rio gibts genug Favelas, wo die Leute unter grosser Armut leiden. Vor vier Jahren haben wir mit 100 Kindern begonnen, heute sinds 310, das Ziel liegt bei 800.

Sie helfen Menschen in Ihrem engeren Umfeld. Haben Sie eine Idee, wie man den Reichtum global besser verteilen könnte?
Ich bin mir der Probleme, die auf der Welt herrschen, bewusst. Ich bin davon überzeugt: Wenn ich helfe, wird mir gleichzeitig geholfen. Das ist positive Energie, die freigesetzt wird. Ich bin sicher, dass eine stille Kette der Solidarität die ganze Welt umspannt. Die Menschen beginnen, sich miteinander zu verbinden und Ideen auszutauschen, sie fangen an, zu kooperieren. Ich bin Vorstandsmitglied der «Schwab Foundation for Social Entrepreneurship», einer Schweizer Stiftung. Klaus Schwab möchte durch diese Organisation weltweit Leute verbinden, die soziale Anliegen auch in ihre Arbeit einbringen. Wir möchten die Welt verbessern, aber ohne romantische Ideen, die nirgends hinführen, sondern mit einem ausgeprägten Realitätssinn. Eine neue ökonomische Struktur soll entstehen, welche die sozialen Anliegen der Gesellschaft mit einbinden soll. Die Schwab Foundation wird in zehn Jahren ein wichtiger Katalysator für die Förderung von sozialverträglichem Unternehmertum sein.

Das tönt sehr nach Elfenbeinturm.
Im Gegenteil! Es laufen bereits einige sehr konkrete Projekte: Nutzung von Solarenergie, Kondome für die Prostituierten in Thailand, ein Spiel, um die Kinder in Peru zu alphabetisieren. Insgesamt sind es etwa 40 Projekte. Klaus Schwab möchte die Leute, die an diesen Projekten arbeiten, mit den Teilnehmern am World Economic Forum (WEF) zusammenbringen, um so weitere finanzielle Unterstützung zu finden.

Sie sind einer der wenigen WEF-Teilnehmer, die nicht aus Politik oder Wirtschaft kommen.
Ich bin nicht der Einzige. Umberto Eco war schon da, Mario Vargas Llosa, Peter Gabriel, Bono. Wir müssen eine Dialogbasis schaffen. Die Gesellschaft ist zu komplex; Dinge, die uns hier beeinflussen, üben auch anderswo ihren Einfluss aus. Ein chinesisches Sprichwort sagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in China in Amerika einen Hurrikan auslösen kann. Es muss eine Diskussion zwischen den aktiven Mitgliedern der Gesellschaft stattfinden. Das WEF soll dafür sorgen, die Welt zu verbessern. Doch es bestehen viele Vorurteile gegenüber dem Forum. Das ist schade, denn das Forum leistet sehr wertvolle Arbeit.

Sie haben kein Verständnis für die Gegner, die befürchten, dass eine kleine Machtgruppe hinter verschlossenen Türen über den Lauf der Welt bestimmt?
Klar, ich dachte früher ja auch so. Aber in Wirklichkeit ist es doch so, dass keiner diese Macht hat. Keiner hat diese Kontrolle. Heute besteht auf der Welt die ungesunde Tendenz zur Vereinfachung. Wir meinen immer, alles erklären zu müssen, also erklären wir die Dinge auf die einfachste – und schlechteste – Weise. Mir gefällt das Einfache, aber es ist unzulänglich, die Welt so simpel darzustellen, alles nur in Schwarz und Weiss. Alle Dinge sind miteinander verbunden.

Neben Ihrer eigenen Stiftung und der Schwab Foundation arbeiten Sie auch für die Unesco. Worum geht es da?
Ich bin für die Unesco und für die Shimon Perez Foundation tätig. Wir leben in einer Zeit, in der die Welt immer mehr aus den Fugen gerät und niemand mehr die Kontrolle hat. Das kann in zwei Richtungen führen: zu mehr Toleranz oder zu Fundamentalismus. Ich spreche hier von islamischem Fundamentalismus, den christlichen Fundamentalismus– der für mich nichts mit Glauben zu tun hat – möchte ich beiseite lassen. Die Idee der Unesco ist es, eine Diskussion einzufädeln. Es geht nicht darum, am grünen Tisch über Gott oder religiösen Synkretismus zu reden, sondern darum, gemeinsam Brücken zu finden; das ist nicht einfach. Wir stehen noch ganz am Anfang dieses Prozesses. Vor zwei Jahren wurde ich als erster nicht muslimischer Schriftsteller in den Iran eingeladen. Wir versuchen, Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen dazu zu bringen, miteinander in den Dialog zu treten; wir müssen die Bombe der Intoleranz entschärfen.

Sie wurden erst mit 38 Schriftsteller. Wieso so spät?
Weil es sehr einfach ist, einen Traum zu haben. Und sehr schwierig, den Preis dafür zu bezahlen. Sobald ich beginne, den Traum zu leben, muss ich mich darauf gefasst machen, dass ich nicht nur gewinnen, sondern auch verlieren kann. Die Angst ist immer präsent. Im «Alchimisten» beschreibe ich einen Kristallverkäufer, der seine Träume nicht verwirklichen will, weil er Angst hat, sein Leben verliere dann den Sinn. In meinem Fall war das anders: Ich dachte, mein Traum wäre nicht realisierbar. Also sei es besser, mit dieser romantischen Idee zu leben und mich über die Gesellschaft und alles Mögliche zu beschweren, anstatt zu versuchen, meinen Traum zu verwirklichen und vielleicht damit Schiffbruch zu erleiden. Als ich zum ersten Mal auf dem Jakobsweg pilgerte – der Wendepunkt meines Lebens –, wurde mir bewusst, was für ein Feigling ich 38 Jahre lang gewesen war. Ich hatte immer die komfortabelste Art zu leben gesucht, statt das Risiko einzugehen, meinen Traum zu verwirklichen. Dann aber habe ich mir gesagt, jetzt beginnst du, deinen Traum zu leben. Du kannst gewinnen oder verlieren. Es ist zwar spät, aber noch ist alles möglich. Und es war nicht zu spät. Ich beschloss, mein bisheriges Leben über Bord zu werfen.

Welche Rolle spielen Religion und Glaube in Ihrem Leben?
Glaube und Religion sind zwei verschiedene Dinge. Die Religion gibt mir Disziplin. Ich denke zwar nicht, dass Disziplin zu den wichtigsten Dingen der Welt gehört, aber für mich ist sie von grosser Bedeutung. Glaube ist ebenfalls sehr wichtig für mich. Den Glauben muss man sich täglich erobern, er gleicht einer Wette, die man mit sich selbst eingeht. Und wie es halt so ist mit allen Wetten, ist man sich nie ganz sicher. Deswegen brauchts den Glauben.

Was tun Sie, wenn Sie nicht mehr weiterwissen?
Ich halte mich an Zeichen. Ich glaube fest daran, dass alles aus Zeichen ersichtlich ist. Wenn ich meine ganze Aufmerksamkeit darauf konzentriere, sehe ich die Zeichen, das Alphabet Gottes. Die Antworten auf meine Fragen können überall sein – im Taxifahrer, im Concierge, in einem Passanten, überall. Die Zeichen können überall auftauchen, und ich folge ihnen.

Sie haben Glück, solche Zeichen sieht nicht jeder.
Ja, ich habe Glück. Der Schriftsteller Carlos Castaneda sagte einmal, dass alle Menschen einen Kubikzentimeter Glück haben. Das Geheimnis des Lebens besteht darin, diesem Kubikzentimeter zu folgen.

Zur Person
Paulo Coelho, 1947 geboren, wurde erst mit 38 Jahren Schriftsteller. Nach einem abgebrochenen Jurastudium schrieb er in den Siebzigerjahren sozialkritische Songtexte für Raul Seixas, einen brasilianischen Rockstar. Der Militärjunta ein Dorn im Auge, wurde er wiederholt verhaftet, einmal während einer Woche sogar inhaftiert und gefoltert. Danach arbeitete er einige Zeit als Manager beim Plattenlabel Polygram. Mit seinem Buch «Der Alchimist» gelang ihm der Durchbruch. Von der Literaturkritik wird er als Leichtgewicht eingestuft, was seine Beliebtheit bei der Leserschaft jedoch nicht schmälert: Mit einer Auflage von rund 45 Millionen in 56 Sprachen gehört Coelho zu den fünf meistverkauften Autoren weltweit. Zu seiner Fangemeinde zählen auch Bill Clinton und Madonna. Ende Oktober 2002 wurde Paulo Coelho in die brasilianische Akademie der Geisteswissenschaften aufgenommen. Der Autor lebt mit seiner Frau, der Malerin Cristina Oiticica, in Rio de Janeiro und im südfranzösischen Tarbes.

Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.03