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Ordnung

Der Kampf gegen das Ungeheuer Unordnung

Jeder hätte gerne Ordnung. Wenn sie nur nicht mit so viel Arbeit
verbunden wäre.

«Das Haus ist doch recht eigentlich die Welt der Frau! Deshalb ist es die Pflicht der Frau, die Wohnung, diese kleine Welt, sich selbst und ihren Lieben zum liebsten Aufenthalt zu machen. Strenge Ordnung und Sauberkeit, Geschmack am Einfachen und ein freundlicher Sinn sind die notwendigsten Bedingungen eines behaglichen Heims.» Das «Palmin Koch- und Haushaltungsbuch für den einfachen Haushalt», 1903 erschienen und 1909 mit 40000 verkauften Exemplaren zum Bestseller avanciert, gibt der Hausfrau neben der richtigen Verwendung von Palmin-Pflanzenfett auch allerlei Ratschläge zu Haushalt und Kindererziehung. Ordnung ist die Grundvoraussetzung für ein prosperierendes Familienleben, das Fehlen einer solchen könnte – so wird impliziert – bald einmal ins Verderben führen. «Hältst du Ordnung, so hält die Ordnung dich», «Gott ist ein Gott der Ordnung»: Die äussere Ordnung hänge wesentlich mit der sittlichen Ordnung zusammen, wird die Leserin ermahnt, Unordnung sei häufig auch mit Unsittlichkeit verbunden.

«Wer in allem Ordnung hält, spart sich Mühe, Zeit und Geld.» Was sich so schön reimt, war damals ein Kernsatz in der Kindererziehung. Als erste Hürde auf dem Weg zum ordentlichen Menschen mussten Kinder lernen, «Spielsachen und andere Dinge, die sie gebraucht haben, nach dem Gebrauch wieder an ihren Ort zu bringen». Ordnung im Kinderzimmer ist auch heute noch ein brandheisses Familienpolitikum. Wurden Verstösse gegen die elterliche Aufforderung zum Zimmeraufräumen früher noch mit einer «ordentlichen Tracht Prügel» quittiert oder mit Mahlzeitenentzug sanktioniert («ohne Znacht ins Bett»), so sind heute Handy- und Gameboy-Verbot letzte Massnahmen verzweifelter Eltern im Kampf gegen das Chaos im Kinderzimmer.

Moderne Erziehungsratgeber sehen das mit der Ordnung nicht mehr so eng. Unter dem Stichwort «Aufräumen» rät www.eltern.de: «In Wirklichkeit haben Kinder nichts gegen Ordnung. Sie mögen aufgeräumte Zimmer, weil sie nur dann ihre Haarspangen oder die Batterien für den Gameboy finden. Sie empfinden Ordnung als praktisch, aber nicht als Wert an sich.» Andere Ratgeber brechen sogar eine Lanze für das Chaos im Kinderzimmer und gestehen dem kindlichen Tohuwabohu System und Nutzen zu, warnen vor der Ordnung als Prinzip, weil sie die Fantasie der Kinder beschneide.

Kindererziehung, Haushalt und Ordnung sind eine Frauendomäne: Knapp hundert Jahre nach Erscheinen des Palminbüchleins hat sich zwar punkto Erwerbstätigkeit und Arbeitsaufteilung vieles grundlegend geändert, aber Männer scheinen mit der häuslichen Ordnung immer noch nicht viel im Sinn zu haben. Zu diesem Schluss kommt eine im Januar 2002 vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau publizierte Studie, die die Aufteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit in Familien in der Schweiz untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Frauen und Männer leisten in der Schweiz in sehr ungleichem Mass Haus- und Familienarbeit. Besonders schlecht ausbalanciert ist die Arbeitsaufteilung im Haushalt bei Paaren mit kleinen Kindern. Die Haus- und Familienarbeit der Mütter beträgt hier durchschnittlich 59 Wochenstunden, die der Väter 27; sie leisten also weniger als halb so viel Hausarbeit wie die Mütter. Besonders gering ist der Einsatz der männlichen Hausbewohner im Vergleich zu den Frauen beim Waschen und Bügeln (sieben Prozent), sowie beim Putzen und Aufräumen (17 Prozent). Am höchsten ist das Engagement der Väter beim Spielen und Hausaufgaben machen mit den Kindern. Hier erreichen sie 70 Prozent des Zeitaufwands der Mütter.

Die Schweizer zeichnen sich durch ihre Ordnungsliebe aus. Was wäre die helvetische Bürowelt ohne den «Bundesordner»? Nicht auszudenken. 1908 wurden in der «Schreibbücher- und Papierwarenfabrik Biel» die ersten Ordner gefertigt. Sie traten einen Siegeszug sondergleichen an. Es folgten Schnellhefter, Ringbücher, Vertikalmappen, Tischagenden, Hängeregistraturen. 1999 soll die Jahresproduktion von Ordnern laut Angaben der Biella-Neher AG den Rekord- wert von über zwölf Millionen Exemplaren erreicht haben. Mittlerweile umfasst das Sortiment des Büromaterialherstellers über 5000Artikel, die «Ordnung in allen Belangen» in Schweizer Unternehmen und Haushalte bringen sollen. Und die Schweizer greifen zu: Pro Jahr geben sie etwa eine Milliarde Franken für Büromaterial aus. «Endlich Ordnung in den Papierkram bringen», scheint zu Jahresbeginn auf mancher Liste mit guten Vorsätzen ganz zuoberst zu stehen. Wie sonst lassen sich die vielen Sonderangebote im Januar erklären, wo einen Ordner und sonstige Bürohelfer gleich beim Ladeneingang stapelweise anlachen?

Bloss mit dem Erwerb von entsprechenden Hilfsmitteln ist jedoch noch keine Ordnung hergestellt. Ein klarer Kopf und Disziplin sind gefragt. Ratgeber, wie man Ordnung herstellt und beibehält, gibts zu Tausenden. Die englische Bestsellerautorin Karen Kingston geht mit «Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags» vor und hat mit dieser Methode bereits hunderttausende Anhänger gewonnen. Der deutsche Diplomingenieur Otto Buchegger propagiert auf www.praxilogie.de ein System zur Dokumentenablage: GAMP (Geschäftsprozesse, Archiv, Menschen, Projekte). Zur Postverarbeitung schlägt er vor: «1. Post nur aufmachen, wenn man wirklich Zeit für die Bearbeitung hat, andernfalls vorerst liegen lassen! 2. Ablegen, oder 3. Sofort bearbeiten, oder 4. Sofort wegwerfen, am besten in eine Papierkiste, die über mehrere Tage nicht entleert wird.» Das klingt im Ansatz vernünftig, dürfte aber im Alltag schon bei Punkt eins scheitern, denn kaum jemand wird einen Einschreibe- oder Eilbrief ungeöffnet beiseiteschieben.

Ordnung muss sein. Dem Ordentlichen wird Kompetenz zugesprochen, Chaoten werden belächelt. Im Geschäftsleben wird Ordnung gerne zu den Grundpfeilern des Erfolgs gezählt. In seiner Kolumne «Häusermann und die Ordnung» aus der Reihe «Business Class» entlarvt der Schweizer Schriftsteller Martin Suter die ordentliche Oberfläche eines vermeintlich Erfolgreichen. Häusermanns Schreibtisch ist vorbildlich aufgeräumt, nur die nötigsten Arbeitsutensilien sind sichtbar. In den Pultschubladen hingegen regiert das nackte Chaos. Fazit: «Häusermanns Ordnung ist keine Ordnung, sondern die verzweifelte Beschwörung der Unordnung, die ihn beherrscht. Je gründlicher er den Überblick verliert, desto pingeliger räumt er die Oberfläche auf, unter der das Chaos wütet. Je hoffnungsloser ihn eine Aufgabe überfordert, desto zupackender gibt er vor, sie anzugehen. Je anarchischer es in seinem Kopf aussieht, desto sauberer frisiert er ihn.» Und Hugo Loetscher thematisiert die schweizerische Ordnungsliebe anhand der Macht der Hausordnung in seiner Erzählung «Der Waschküchenschlüssel»: Wer die Regeln im Umgang mit dem Waschküchenschlüssel bricht, fällt schnell durch das Netz der sozialen Akzeptanz im Mikrokosmos Mietshaus, denn «der Waschküchenschlüssel hat Bedeutung über seine blosse Funktion hinaus, eine Tür zu öffnen; er ist ein Schlüssel für demokratisches Verhalten und ordnungsgerechte Gesinnung».

Ordnungsliebe mag dem Menschen angeboren sein, die Fähigkeit, Ordnung zu halten, muss er hingegen lernen. In unserer Gesellschaft ist Ordnung neben klassischen Tugenden wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Mut und Geduld zu einer Sekundärtugend avanciert. Wer von der Gesellschaft akzeptiert werden will, muss sich ein- oder unterordnen, eben eine «ordnungsgerechte Gesinnung» an den Tag legen. Das Streben nach Ordnung ist wohl in Ordnung, das Leben aber spannender, wenn man es mit Friedrich Nietzsche hält: «Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können.»

Aus: Bulletin der Credit Suisse 2.02