texthafen - Spracharbeiten

Online-Übersetzungen

«Für Hoffnung sind sie gut, aber verstehen, um zu hoffen»

Ich habe kürzlich ein neues Computerspielzeug entdeckt. Seitdem verbringe ich Stunden vor dem Bildschirm, nur so zum Spass. Mein Mann macht sich auch schon Sorgen. Immer dieses Gekichere, manchmal auch explosionsartiges Gelächter. Mein neuer Zeitvertreib: Ich lasse mir Texte online übersetzen. Mein absoluter Liebling ist Babelfish. Hinter der Adresse http://babelfish.altavista.com/babelfish/tr verbirgt sich für mich ein nie versiegender Quell sprachlichen Aberwitzes. Eine kleine Kostprobe? «Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.»

Zugegeben, den armen Fisch mit einem Happen aus Shakespeares «Romeo und Julia» zu füttern, ist nicht gerade die feine Art, aber es ist immerhin eine der bekanntesten Zeilen aus der Weltliteratur, vielleicht kennt er sie ja. Babelfish übersetzt mir zuerst auf Englisch: «Do you want already gehn? The day is still far. It was the nightingale, and not the lark, which penetrated your banges ear evenly now.» Etwas faul und fantasielos, dieser Fisch. Gleich nochmal, jetzt soll er sein «Englisch» hurtig wieder ins Deutsch zurückübersetzen. Vielleicht ergibt das wieder die Originalversion. «Wünschen Sie bereits gehn? Der Tag ist noch weit. Es war die Nachtigall und nicht der Lark, der Ihr banges Ohr gleichmässig jetzt eindrang.»

Ich frage mich, wer sich ernsthaft solcher maschineller Übersetzungen bedient. Vermutlich die arroganten Dummbeutel, die mich früher herablassend musterten, wenn ich die Frage nach meiner Studienrichtung beantwortete. «Englisch? Das muss man doch nicht studieren, das kann man doch so.» Bei Lernmethoden, die «Englisch ohne Mühe», «Japanisch in dreissig Tagen» oder «Suaheli im Sauseschritt» propagieren, sollten bei einem Menschen mit normalem Verstand die Alarmglocken klingeln. Eine Sprache zu lernen ist harte Arbeit, sie gut in eine andere zu übersetzen, eine hohe Kunst. Da bleibt nur die Hoffnung, dass es noch lange gute Übersetzer gibt, damit wir nicht auf Babelfish und Konsorten zurückgreifen müssen.

Apropos Hoffnung: Rudolf Augstein, der Ende 2002 verstorbene Gründer des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», hat etwas gesagt, das mich sehr beeindruckt: «Hoffnung ist gut, aber nicht zu hoffen ist Verstand.» Mein Freund Babelfish hingegen meint: «Für Hoffnung sind sie gut, aber verstehen, um zu hoffen.»

Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.03