texthafen - Spracharbeiten

Autokorrektur im Internet

Jubuläum

Dass mein Computer sich gerne als Zensor betätigt, darüber habe ich mich an dieser Stelle schon ausgiebig beklagt. Aber dass er ein elender Besserwisser ist, gibt mir wirklich beinahe den Rest. «Sie haben für Ihre Nachricht keinen Betreff angegeben. Soll die Nachricht dennoch gesendet werden?» Anstatt mir bei der Arbeit zu helfen, unterbricht mich die blöde Kiste dauernd mit Zwischenfragen. «Natürlich sollst du die Nachricht senden, du Depp!», denke ich, «das ist meine Büroadresse und ich weiss schliesslich, was ich mir selber schicke!» Die Betreffzeile fülle ich mit einem hastig hingeworfenen «sdfsdf», denn ich habe wahrlich weder Zeit noch Lust auf eine längere Auseinandersetzung.

Lesen kann mein Computer nicht, das weiss ich. Aber weiss er es auch? Wahrscheinlich rächt er sich mit seiner blöden Fragerei («Jetzt sichern?», «Sind Sie sicher?», «Wirklich?») an mir, weil ich seine Orthografie- und Grammatikvorschläge stets ignoriere. Ich lasse ihn Wörter zählen, mehr nicht. Natürlich kommt mein elektronischer Freund auch im Internet besser draus als ich. Zusammen mit Kollege Google zerrt er gerne an meinen Nerven. Beispiel: Ich suche etwas über Mussorgski. Prompt leuchtet es mir rot entgegen: «Meinten Sie: Mussorgsky?» Nein, meinte ich nicht, aber ich schaue zur Sicherheit dort auch nach. Neulich aber habe ich ihn in flagranti erwischt. Bei der Recherche zum Thema «Jubiläum» habe ich mich vertippt. Keine Reaktion, kein ermahnendes «Meinten Sie?». Stattdessen liefert mir die Kiste brav 1670 Einträge zum Stichwort «Jubuläum» und das in 0,07 Sekunden. Meine Häme perlt am Flachbildschirm ab, mein Computer hüllt sich für einmal in nobles Schweigen.

2006 hats in sich, was Jubiläen – wenn auch nicht Jubuläen – angeht. Die Credit Suisse wird 150, die Schweizer Garde 500, und Mozart, das lässt man uns keinen Tag vergessen, Wolfgang Amadé Mozart erblickte das Licht der Welt vor 250 Jahren. Wikipedia wurde Mitte Januar immerhin auch schon fünf. Heute bietet diese freie Internetenzyklopädie über drei Millionen Artikel in 200 Sprachen an. Auch wenn Wiki in letzter Zeit öfter negative Schlagzeilen schrieb wegen Falscheinträgen: Hopfen und Malz ist noch nicht verloren. Schliesslich schrieb Mozart sein erstes grösseres Werk auch erst mit acht.


Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.06