texthafen - Spracharbeiten

Zensur im Firmencomputer

Nimm das, Schurke!

Neulich hat mir mein Computer wieder mal ein Bein gestellt. Neben all den mir meist schleierhaften Fisimatenten, die sie manchmal an den Tag legt, scheint die Kiste ein neues Aufgabenfeld entdeckt zu haben: die Zensur. Ich schreibe einen Artikel über die Jazzsängerin Dianne Reeves. Erster Schritt bei der Recherche: Homepage der Sängerin suchen. Google präsentiert mir das Ergebnis innert Sekundenbruchteilen, www.diannereeves.com. Es kann sich nur noch um Augenblicke handeln, bis ich die gesuchten Informationen ausdrucken kann. Denkste. Auf meinem Bildschirm erscheint ein Hinweis, die Website sei gesperrt. Grund: Pornografie.

Schäumend rufe ich die zuständige Stelle an und will wissen, wer dafür verantwortlich sei, dass Jazz mit Pornografie gleichgesetzt werde. Der nette Herr am andern Ende der Leitung erklärt mir, dahinter stecke eine Computersoftware. Vermutlich enthalte ein Songtext das Wort «Sex». Ich recherchiere zu Hause weiter. Nichts Anrüchiges weit und breit. Gut, Miss Reeves hat auf einem Bild ein ziemlich offenherziges Dekolleté, aber ob das für eine Sperrung reicht? Da, im siebten Absatz der Biografie werde ich fündig: Dianne Reeves hatte in der amerikanischen Hitserie «Sex and the City» einen Gastauftritt.

Ich bin nicht die Einzige, die über das böse Wort mit den drei Buchstaben gestolpert ist. In seinem Buch «Language and the Internet» amüsiert sich der britische Sprachwissenschaftler David Crystal über die Unzulänglichkeiten der so genannten «censorware». Es handelt sich um Softwareprogramme, die helfen sollen, anstössige Inhalte im Netz aufzuspüren und die betroffenen Sites zu sperren. An sich ein vernünftiges Unterfangen, existieren doch im Netz unzählige Websites, die in den Mistkübel gehören. Doch so gut die Absicht hinter solchen Programmen auch sein mag, einen schwer wiegenden Mangel haben sie: Sie sind unfähig, Wortbedeutungen zu erkennen.

Im Jahr 2000 vergab die Organisation Digital Freedom Network den Silicon Eye Award. Das Ziel war, «anrüchige Inhalte zu finden, wo nur ein Computer suchen würde». Einer der Preisträger war die Biotechnologiesite www.accessexcellence.org; die Adresse enthält das Wort «sex». Eine Dame namens Heather scheiterte, weil sich in ihrem Namen die Aufforderung «eat her» – iss sie – versteckt. Ich habe einige ganz hinterhältige Stolpersteine für die fleissige Software parat: Sextant, Sexagon, Staatsexamen, Sextakkord, Sextillion. Nimm das, Schurke!

Aus: Bulletin der Credit Suisse 3.04