texthafen - Spracharbeiten

Elektronische Kettenbriefe

Schicksalsschlag und Schweinebraten

Das arme Kind! Ich sehe es genau vor mir: Todkrank liegt es im Spital, Überlebenschance praktisch gleich Null. Ich habe eine E-Mail erhalten, die das Schicksal des kleinen Mädchens schildert. Es würgt mir das Herz ab. Aber ich kann helfen, wenn ich diese Mail an alle, die ich kenne, weiterleite. Denn so stehts geschrieben: Für jede versandte Mail spendet eine wohltätige Organisation drei Cents für die Heilung. Viele Mails müssen verschickt werden, um das hehre Ziel zu erreichen. Aber stand nicht im ersten Abschnitt des Briefes, das Mädchen sei unheilbar krank und hätte nur noch sechs Monate zu leben? Egal, wer wird denn schon so pingelig sein, wenn ein Menschenleben gerettet werden kann.

Wenn ich diese Mail nicht weiterleite, wird mich bald ein Schicksalsschlag für meine Hartherzigkeit bestrafen. Was tun? Weiterleiten oder entsorgen? Die Entscheidung fällt leicht, der Tränendrücker-Brief landet im Cyber-Abfall, Abteilung Sondermüll. Ich gebs zu: Zwei- oder dreimal in meinem Leben habe auch ich einen Kettenbrief weiterverschickt. Zu meiner Entlastung kann ich anführen, dass ich damals noch in die Primarschule ging. Dann sind Kettenbriefe aus meinem Leben verschwunden. Aber seit ich E-Mail habe, nimmt das Unheil erneut seinen Lauf. Alle paar Wochen ein neuer Aufruf, zur «Solidarität mit Brian», gegen die «Unterdrückung afghanischer Frauen durch das Taliban-Regime». Alle, die mir solche Post schicken, weisen darauf hin, dass sie normalerweise keine Kettenbriefe weiterleiten. Nur dieses eine Mal. Bis einige Zeit später der nächste kommt. Menschen, die ich bis anhin für rational denkende Wesen hielt, zeitigen ein Ausmass an Leichtgläubigkeit, das ich ihnen nie zugetraut hätte.

Seis drum: Einen Lieblings-Kettenbrief habe ich dennoch. Gefunden habe ich ihn auf www.mathematik.uni-ulm.de. Die Persiflage trägt den Titel «Glück und Schweinebraten». Politisch Korrekten und Feinden von Schweinebraten ist er allerdings nicht zu empfehlen. Immerhin, wer ihn weiterleitet, wird «innert vier Tagen dem Glück und einem Schweinebraten begegnen». Garantiert. Das Glück kommt per Post, der Schweinebraten mit UPS.
P.S. Diesen Text unbedingt per Mail an alle Bekannten weiterleiten. Zuwiderhandelnde erhalten einen Schweinebraten. Mit B-Post.


Aus: Bulletin der Credit Suisse 6.01