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Schönheit

Zu schön, um wahr zu sein

Seit Urzeiten quälen sich Frauen für Schönheitsideale, die von Männern definiert werden. Der Druck auf die Männer nimmt zwar zu, doch eine Wende ist nicht in Sicht.


Marilyn Monroe hätte keine Chance. Ein schönes Gesicht würde man ihr zwar auch heute attestieren – aber bitte, diese Figur! Zu dick. Mit Kleidergrösse 42/44wäre sie meilenweit vom Idealbild des schönen Körpers entfernt. Obwohl alle paar Jahre wieder versucht wird, dem Schlagwort «big is beautiful – dick ist schön» zum Durchbruch zu verhelfen, stehen die Zeichen für eine Veränderung des Schönheitsideals in Richtung opulenterer Formen momentan schlecht.

Schön schlank
Barbie hingegen hats da besser: Als Frau aus Fleisch und Blut hätte sie die Masse 99-48-84. Barbie – der Traum aller Mädchen. Seit die Vinyl-Schönheit 1959 erstmals auf der New Yorker Spielwarenmesse ausgestellt wurde, ist sie ein Dauerverkaufsrenner. Schätzungen gehen davon aus, dass es weltweit rund 700 Millionen Barbies gibt – übernatürlich blond und abartig schlank. Die Konfrontation mit einem unerreichbaren Schönheitsideal beginnt für viele Mädchen schon im Kinderzimmer. Der Mädchentraum mutiert irgendwann zum Albtraum vieler Frauen. Eine Studie der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2000 ergab, dass Schönheits- und Schlankheitsideale für immer mehr Mädchen zur psychischen und physischen Belastung werden. Ein Drittel aller deutschen Mädchen ist mit dem eigenen Körper unzufrieden. Die deutsche Jugendzeitschrift «Mädchen» titelte im August 2002 «Bin ich schön?» Fazit: Die porträtierte 14-jährige Tijana findet sich – aller gegenteiliger Beteuerungen von bester Freundin und bestem Freund zum Trotz – nicht schön, weil sie «zu dick» ist. Tatsächlich scheint der Begriff «schön» weitläufig immer mehr mit «dünn» interpretiert zu werden, nicht nur von hormonell herausgeforderten Teenagern. In «Körper machen Leute» schreibt Waltraud Posch, dass der westliche Durchschnittsmensch täglich rund zwölf Mal mit dem Anblick eines Models konfrontiert wird. Das amerikanische Magazin «Psychology Today» untersuchte 1996/1997 den Einfluss von superschlanken Modellvorlagen auf den Normalbürger. 43 Prozent der Frauen und 28 Prozent der befragten Männer erklärten, sich (was ihr eigenes Gewicht betrifft) von den extrem dünnen und muskulösen Models stark verunsichert zu fühlen. 48 Prozent der befragten Frauen gaben an, die überschlanken Models weckten in ihnen den Wunsch abzunehmen, um sich dem Ideal anzunähern. Ein schwieriges Unterfangen: Wog ein Model 1965durchschnittlich acht Prozent weniger als die normale Frau, sind es heute rund 23 Prozent. Die «Playmates» in den Herrenmagazinen sind nur rund 17 Prozent dünner, da die meisten Männer angeben, lieber etwas «zum Zupacken» zu haben. Doch auch der Druck auf die Männer nimmt zu, seitdem in Magazinen und Plakaten vermehrt nackte, perfekt modellierte Männeroberkörper abgebildet werden: Der Prozentsatz von Männern mit Essstörungen steigt an. Ausgleichende Gerechtigkeit?

Schön blond
Blondes Haar, heller, durchscheinender Teint: Die angebeteten Schönheiten aus Literatur und Kunst sind in der Mehrzahl blond (und unschuldig). Dantes Beatrice war blond, Isolde hatte «güldenes» Haar, in mittelalterlichen Romanen wie «Lancelot» war die Schöne ganz einfach «die Blonde». Blond ist eine seltene Haarfarbe und gerade darum so begehrt. Die Dame von Welt hatte schon ab dem Mittelalter ihre – nicht selten giftigen – Tricks, um ihr Haar blond zu färben: Arsensulfid, ungelöschter Kalk, breiige Tinkturen aus Zitronensaft und Safran. Seit 1930 werden Blondierungsmittel kommerziell hergestellt. Insgesamt soll es über 500 verschiedene Blondschattierungen geben. Nancy Etcoff schätzt in ihrem Buch «The Survival of the Prettiest», dass in den USA über 40 Prozent der Frauen ihr Haar blondieren. Schliesslich sind die grössten Ikonen der Filmindustrie blond (gefärbt): Jean Harlow, Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Pamela Anderson.

Schön wandelbar
Die ideale Silhouette unterlag durch die Zeitgeschichte hindurch dem Yo-Yo-Effekt: Mal war der beleibte Körper erstrebenswert, dann wieder schwangen schlanke Konturen obenauf. Mit Ausnahme des alten Griechenlands – der vorderasiatische Mysteriengott Adonis, Geliebter der Liebesgöttin Aphrodite, war der Inbegriff der Schönheit – standen immer die Frau und ihr Körper im Brennpunkt der Schönheitsdiskussion. Von der Gotik bis in die Frührenaissance war die ideale Frau schmal, hatte kleine Brüste und einen Spitzbauch. Im Barock wallten dann nicht nur die Gewänder, es wabbelten auch die Pfunde. Wohlbeleibtheit bei Mann und Frau war erstrebenswert, wiesen sie doch auf Macht und Sinnesfreuden hin. Männer trugen Hüft-und Wadenpolster, um korpulenter zu erscheinen, Frauen schnürten ihre Leiber zwar in Mieder, aber Brust, üppige Arme (Cellulitis war damals noch keine Schande) und Hüften wurden betont. Der Rokoko wiederum verlangte nach anmutigen, graziösen und schlanken Körpern. Wo heute das Fitnessstudio zur erwünschten Silhouette verhelfen soll, kamen früher Mieder und Korsetts zum Einsatz, meistens mit gesundheitlichen Nachteilen für die Trägerinnen. Neben Atemnot und Rippenbrüchen kam es längerfristig zu Organverformungen und einer gequetschten Leber.

Während in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch die mütterliche Figur im Trend lag, kam in den goldenen Zwanzigern der schlanke, knabenhafte Frauenkörper mit flachen Brüsten in Mode. Elastische Mieder pressten die Hüften zusammen, die «Brustquetsche» drückte die Brust eng an den Körper. Nach zehn Jahren Märtyrertum waren die Brüste dann für immer flach. Erstmals wurde Schlankheit mit Emanzipation gleichgesetzt. Doch schon in den Dreissigern war es wieder vorbei mit dem Idealbild der emanzipierten Frau. Die Frau sollte wieder ein paar Kilos zulegen. Gefragt waren Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Das patriarchalische Motto «Die Welt der Frau ist der Mann, an etwas anderes denkt sie nur ab und zu» liess keine Zweifel offen. Nach den mageren Jahren des Zweiten Weltkriegs kamen Rundungen wieder in Mode; während des Wirtschaftswunders zeigte man gerne, was man hatte. In den Fünfzigern propagierte Hollywood die Kurvenwunder: Marilyn Monroe, Liz Taylor, Gina Lollobrigida und Sophia Loren waren gut gebaut, jedoch keineswegs dünn. Erst Mitte der Sechziger kam mit Miss Twiggy – bei einer Körpergrösse von 1.67 wog sie gerade mal 41 Kilo – ein Schönheitsideal in Mode, das an Magersucht grenzte.

Schön nach Vorschrift
Während es mehrheitlich die Frau war, die dem gerade gültigen Schönheitsideal zu entsprechen hatte, befasste sich der Mann damit, vorzuschreiben und zu systematisieren, was im Gesicht und am Körper als schön zu gelten hatte. Schon die Ägypter, Griechen und Römer waren der Schminke zugeneigt und hatten Produkte und Techniken entwickelt, die der heutigen Kosmetik in vielen Bereichen das Wasser reichen können. Der römische Dichter Ovid gab um vier vor Christus einen Kodex der Koketterie heraus, worin er Zutaten und Rezepte vorstellte, allerdings nicht ohne die Frauen zu ermahnen: «Euer Liebhaber soll euch indes nicht überraschen, wenn ihr all diese Döschen noch auf dem Tisch stehen habt: Die Kunst verschönt das Gesicht nur, wenn sie nicht zutage tritt.» Im Mittelalter fielen kosmetische Tricks in Ungnade, Prediger geisselten von der Kanzel herab den Spiegel als «Tor zur Hölle». Schminke war Sakrileg und Teufelswerk, eine einzige Farbe durfte Wange und Stirn des Weibes zieren: das Anstandsrot. Philosophen, Maler und Dichter versuchten über Jahrhunderte hinweg, einen gültigen Schönheitskanon zu definieren, und nahmen dabei gerne die Geometrie zu Hilfe. Für Plato und Augustinus lag die Schönheit in der Ausgewogenheit der Formen, Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci schwärmten für die Symmetrie. Dürer nahm seine Finger als Mass aller Dinge: Die Länge des Mittelfingers entsprach dem Durchmesser der Hand, dieser wiederum war proportional zur Armlänge. Unter diesen Voraussetzungen konstruierte er einen Schönheitskanon, der für den ganzen Körper galt und noch lange Zeit nach seinem Tod grossen Einfluss hatte. Dürers Finger waren lang und schlank; wie das Schönheitsideal herausgekommen wäre, wenn er kurze Wurstfinger gehabt hätte, darüber lässt sich spekulieren. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es modern, sich auf literarischer Ebene mit Schönheit und Ästhetik auseinander zu setzen. Immanuel Kant veröffentlichte 1764 seine Schrift «Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen», worin er zum Schluss kommt, dass die Frau dem schönen, der Mann dem edlen Geschlecht zuzuordnen sei. In die gleiche Kerbe haute Friedrich Nietzsche, als er 1878 behauptete, «schöner ist das Frauenzimmer, interessanter – der Mann!» Oscar Wilde schliesslich liess sich in «Das Bildnis des Dorian Gray» zur Aussage hinreissen: «Die Weiber sind das dekorative Geschlecht. Sie haben nie etwas zu sagen, aber sie sagen es entzückend.»

Schön irreal
Erst etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigen sich auch die Sozialforscher mit dem Thema Schönheit und Attraktivität. Kernpunkt ist die Suche nach einem universell gültigen Schönheitsideal. Eine interessante Annäherung ist einer Gruppe von Psychologen der Universität Regensburg gelungen. Mithilfe eines speziellen Computerprogramms, dem «Morphing», berechneten die Forscher aus bestehenden Gesichtern neue, in denen unterschiedlich viele Originalgesichter zu immer gleichen Anteilen vorhanden waren. Das überraschende Fazit: Die gemorphten Gesichter wurden durchs Band attraktiver eingeschätzt als die Originale. Schon Dürer war davon überzeugt, dass es auf Erden keinen schönen Menschen gäbe, den man nicht noch schöner machen könne. Die Morphs geben ihm Recht: Selbst die attraktivsten Frauen wurden noch besser bewertet, wenn man ihre Gesichtsproportionen künstlich kindlicher machte. Als mit Abstand am attraktivsten bewertet wurden im Experiment immer Gesichter, die in der Realität gar nicht existieren. Einen technischen Mischtrick wandte freilich schon der griechische Maler Zeuxis im fünften Jahrhundert vor Christus an. Als er beauftragt wurde, ein Bild der mythisch-schönen Helena von Troja zu malen, vereinte er die Merkmale der fünf schönsten Frauen der damaligen Zeit und schuf das Bild einer Frau von göttlicher Schönheit. Ein Ideal, zu schön, um wahr zu sein.

Aus: Bulletin der Credit Suisse 5.02