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Weiterbildung

Der Lebensabschnittsberuf

«Drum prüfe, wer sich ewig bindet» hat ausgedient, zumindest in der Berufswelt. Der lebenslange Arbeitsplatz ist passé. Er weicht dem Lebensabschnittsjob. Steter Aufbruch ist angesagt.

Das Leben ist zu lang, um sich nur einer Sache zu widmen; zu lang, um nur einen Beruf auszuüben. Vorbei die Zeiten, als es möglich und üblich war, bei einem Betrieb in die Lehre zu gehen und dort bis zur Pensionierung zu arbeiten. PTT und SBB galten als sichere Werte. Früher arbeiteten viele Schweizer bei solchen stattlichen staatlichen Unternehmen, viele hatten eine lebenslang garantierte Stelle und waren ihrem Betrieb auch ein Leben lang treu. Heute ist das vorbei. Die PTT ist nicht mehr. Heute gibts Die Post und die Swisscom. Und lebenslange Stellen wünschen sich nur noch hoffnungslose Nostalgiker. Jetzt ist Flexibilität gefordert. Schon die Generationen vor uns sahen sich instabilen Verhältnissen ausgesetzt, wenn auch auf einer anderen Ebene: Die Menschen mussten akzeptieren, dass sich ihr Leben aufgrund von Kriegen, Hungersnöten oder andern Katastrophen plötzlich verändern konnte und dass sie improvisieren mussten, um zu überleben. Zwischen Wirtschaftskrise und Weltkrieg fehlte schlicht die Musse, sich aus freien Stücken ein neues Berufsfeld zu eröffnen. Der Soziologe Richard Sennett kommt in seinem Buch «Der flexible Mensch» zum Schluss, dass der Mensch in einer flexibilisierten Welt verloren und ohne Anleitung durchs Leben driftet. Im Berufsleben beklagt er die Abschaffung von Karrieren im alten Sinn des Wortes. «Es gibt keine Pfade mehr, denen Menschen in ihrem Berufsleben folgen können. In der Arbeitswelt ist die traditionelle Laufbahn, die Schritt für Schritt die Korridore von ein oder zwei Institutionen durchläuft, im Niedergang begriffen.»

Heute liegt im Schnitt ein Arbeitsleben von 40 Jahren vor einem Berufsanfänger. Laut Richard Sennett muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweijährigem Studium damit rechnen, in 40 Arbeitsjahren wenigstens elfmal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis dreimal auszutauschen. Martin Massow, Autor des Buchs «Gute Arbeit braucht ihre Zeit», weist auf die enorm gestiegenen Weiterbildungsanforderungen hin: «Während vom Schulwissen die Hälfte erst nach 20 Jahren unbrauchbar ist und die „Halbwertszeit“ von Hochschulwissen bei zehn Jahren liegt, verfällt der Wert von beruflichem Fachwissen, insbesondere das Technologie- und EDV-Wissen, binnen ein bis zwei Jahren. Selbst das Wissen einer Lehre oder Trainee-Ausbildung ist nach fünf Jahren höchstens noch 50 Prozent wert.»

Wenn also das Wissen, das man sich in einer Berufslehre erwirbt, nur eine Halbwertszeit von fünf Jahren hat, braucht man sich nicht zu wundern, wenn immer mehr desillusionierte Jugendliche das Konzept der Berufslehre überhaupt anzweifeln und sich lieber einen Job als Verkäufer von Snowboards anlachen. «Ist ja eh nicht wichtig, ich werde das nicht mein Leben lang machen. Hauptsache, es macht Spass!» Doch die meisten Jugendlichen machen nach wie vor eine Berufslehre, haben aber weder die Illusion einer lebenslangen Arbeitsgarantie, noch den Willen, auf dem ursprünglich eingeschlagenen Weg zu bleiben. Zum Beispiel Noémi Andreska. Die 16-Jährige hat im August 2004 ihre KV-Ausbildung beim Sozialdepartement der Stadt Zürich begonnen. Ihr gefällt die Arbeit gut und sie ist froh, dass sie nicht mehr in die Schule muss. Doch vor der Aussicht, dieser Arbeit ein Leben lang nachzugehen, schreckt sie zurück: «Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich möchte später nicht auf dem Büroberuf bleiben. Als Ausbildung ist das gut. Aber ein Leben lang den ganzen Tag im Büro sitzen? Nein danke!» Die kaufmännische Lehre sei eine solide Basis, auf der sie später weiter aufbauen könne und immer noch Sozialarbeiterin werden könne. Oder Malerin. Aus- und Weiterbildungspläne zeichnen sich bereits ab: Nach der Lehre will sie eventuell die Berufsmittelschule nachholen und dann für ein Jahr nach Mexiko gehen, um Spanisch zu lernen.

Auch Peter Dändliker, Berufs- und Laufbahnberater, nimmt Veränderungen wahr. Die Beratungen hätten allgemein zugenommen, vor allem gebe es seit zwei, drei Jahren mehr junge Erwachsene, die Rat suchten. «Bei den Jungen ist es wohl so, dass sie heute nach dem Lehrabschluss nicht mehr selbstverständlich eine Stelle finden. Oft nehmen sie dann behelfsmässig einen Job an und merken zwei Jahre nach Lehrabschluss, dass sie auf dem erlernten Beruf schon beinahe den Faden verloren haben, und dass der Behelfsjob sie nicht befriedigt. Sie merken, dass sie weitersuchen müssen.» Ein anderes Phänomen ist laut dem Psychologen die so genannte vorgelagerte Midlifecrisis. «Manche haben mit 35 schon all das erreicht, was ihre Eltern erst mit 50 hatten.» Da stellt sich dann die Frage, wie man die nächsten 30 Jahre Berufsleben sinnvoll verbringen kann. Die Schweizerische Berufsberatungsstatistik für 2003 verzeichnet rund 126 000 beratene Personen. Das ist eine Zunahme von einem Prozent gegen über 2002. 61 Prozent der Beratungen kreisten um die Berufs- und Studienwahl, 30 Prozent widmeten sich der Laufbahn- und Karriereplanung oder einer Neuorientierung. Als freischaffender Berufsberater zählt Peter Dändliker vor allem junge Leute bis 25 sowie Personen zwischen 40 und 55 Jahren zu seiner Klientel. Oft hilft er seinen Klienten beim Aufbruch zu neuen beruflichen Ufern; doch manchmal müsse er den Ratsuchenden aber auch klar machen, dass sie am richtigen Ort seien. Es gehe nicht immer um einen Wechsel. Meist müssten sich die Betroffenen erst einmal über ihr Privatleben klar werden, bevor eine Neuorientierung im Beruf thematisiert und umgesetzt werden könne. ́Die Leute m üssen bereit sein, sich mit der eigenen Person auseinander zu setzen.» Eine Berufs- oder Laufbahnberatung sei immer anspruchsvoll, gibt Dändliker zu bedenken.

Karriere macht man heute nicht mehr linear, der Anteil der so genannten Portfoliokarrieren ist im Steigen begriffen. Sennett ortet hier eine fehlende langfristige Bindung zur Arbeit selbst. Der Soziologe zieht als Beispiel Bill Gates heran, der propagiert, man solle sich in einem Netz von Möglichkeiten bewegen, statt sich in einem fest umrissenen Job selbst zu lähmen. Die fehlende langfristige Bindung zur Arbeit interpretiert Walter Lanz nicht ganz so düster wie Sennett. In seiner heutigen Berufspraxis als Arbeitsagoge konfrontiert der ehemalige Wirtschaftsanwalt seine Studenten oft mit der Frage, was ihnen Arbeit bedeute, unabhängig vom finanziellen Einkommen. Von Selbstverwirklichung sei die Rede, von Lebenssinn, Lebensfreude, Anerkennung. Eine unglaublich lange Liste: «Da denke ich mir manchmal, um Himmels willen, was passiert mit euch, wenn ihr mal keine Arbeit mehr habt?» Er sei auch gar nicht unglücklich darüber, dass sich ein Wandel abzeichne. «Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen zu hohen Status. Das ist vor allem für diejenigen tragisch, die keine mehr haben. Sie verlieren alles, werden psychisch krank. Ohne Arbeit f ühren sie schnell einmal ein Leben fernab der Gesellschaft. Zum Glück löst sich unsere Gesellschaft langsam von diesem stark protestantischen Ethos der Arbeit als Tugend und Pflicht.» Hat Zwingli ausgedient?

Lanz selbst hat einen erstaunlichen beruflichen Werdegang, den man als geplante serielle Berufsmonogamie bezeichnen könnte. Schon früh wusste der heute 63-Jährige, dass er beide Seiten der Medaille kennen lernen wollte. Kopf und Hände wollte er in seinem Berufsleben gebrauchen. Doch es war auch klar, dass er die Juristerei und die Schreinerei nicht kombinieren konnte. Also beschloss er, die erste Hälfte seines 40-jährigen Berufslebens dem Recht zu widmen, die zweite der Schreinerei. Mit 45 gab der Wirtschaftsanwalt seine Kanzlei auf und suchte sich eine Lehrstelle in einer Schreinerwerkstatt. Er wollte keine Sonderbehandlung: «Wenn man die Bude putzen musste oder Znüni holen, dann machte ich das wie jeder andere auch.» Negative Reaktionen auf seinen Entschluss, Mitte 40 nochmals von vorne zu beginnen, hatte er so gut wie keine. Höchstens Staunen und Verwunderung. Schon während der Lehrzeit richtete sich sein Augenmerk immer wieder auf die «dunkle Seite des Lebens». Darum studierte er im Anschluss an die Schreinerlehre noch Sozialpädagogik und entwickelte das Feld der Arbeitsagogik, der er sein Herzblut widmet. Heute unterrichtet Lanz angehende Arbeitsagogen.

Immer mehr zeichnet sich unser Leben durch den konstanten Aufbruch aus. «Die heutige Gesellschaft sucht nach Wegen», so Sennett, «die Übel der Routine durch die Schaffung flexiblerer Institutionen zu mildern.» Der moderne flexible Mensch muss die Unsicherheit in der Arbeitswelt bestenfalls als Herausforderung sehen. Doch, so warnt Sennett, in einem solchen System erscheine Stabilität fast als Lähmung. Wer sich nicht bewege, sei draussen. Ob wir in einer Gesellschaft leben, wo das Ziel weniger wichtig ist als der Akt des Aufbruchs, wie Sennett postuliert, darf bestritten werden. Dr. Erich Kästners nicht ganz so kulturpessimistische, dafür lyrische Hausapotheke empfiehlt denn auch: «Es kann nicht schaden, einmal umzusteigen. Wohin ist gleich. Das wird sich dann schon zeigen.»

Aus: Bulletin der Credit Suisse 1.05