texthafen - Spracharbeiten

Carl, Crashtest-Dummy

«Wenn ich mich ärgere, verheddern sich die Drähte»

Sind Sie mit dem Auto schon mal mit 64 Stundenkilometern in ein Hindernis gedonnert? Mit so einer klebrigen Farbe im Gesicht, damit man auf dem Airbag nachher die Spuren des Aufpralls sieht? Wenn man das immer wieder macht, verliert das Ganze seinen Reiz, glauben Sie mir. Immerhin, nach einer Sekunde ist alles vorbei. Der Aufprall dauert 100 bis 120 Millisekunden; während dieser Zeit messen die rund 60 Sensoren in mir die Beschleunigung und die Auswirkungen der Kräfte auf Kopf, Hals, Nacken, Brustkorb, Becken, Oberschenkel und andere gefährdete Partien. Das Messgerät in meinem Brustkasten zeichnet all diese Daten auf – etwa 30000. Für die Auswertung laden die Techniker das nachher auf den Computer herunter.

Eigentlich bin ich Saisonnier. Am meisten und intensivsten arbeite ich im Frühsommer, wenn Anton Brunner mit seinem Team von der Unfallforschung der «Winterthur» in Wildhaus Crashtests durchführt. Während 14 Tagen crashen wir, was das Zeug hält. Das geht mir bisweilen ganz schön an die Nieren – pardon, an den Schaumstoff. Der Dummydoktor päppelt meinen Luxuskörper nach jedem Test wieder auf, tauscht defekte Teile aus und kalibriert meine messtechnischen Innereien neu. Überhaupt gehen alle recht pfleglich mit mir um, sorgen für eine angenehme Temperatur zwischen 16 und 24 Grad und karren mich im Rollstuhl von Einsatz zu Einsatz. Das ist auch gut so: Immerhin habe ich um die 150'000 Franken gekostet. Damit liege ich im Mittelfeld, was die Kosten betrifft. Früher wars billiger; da waren die Dummys aber noch Sandsäcke oder Holzgliederpuppen. Auch Leichen wurden in den Fünfzigerjahren, als die Forschung noch jung war, verwendet. Heute ist das selten der Fall. 2004 ist alles hoch technisiert und teuer. Ein einzelner Test kann bis zu 20'000 Franken kosten. Darum sagt Anton Brunner immer: «Zuerst überlegen, dann testen.» Mein Vetter Curt aus Deutschland zum Beispiel hat satte 250'000 Franken gekostet. Der hat aber auch eine wahnsinnige Messtechnik unter seiner PVC-Haut. Er arbeitet vorwiegend in der Schleudertrauma-Forschung. Seine Halswirbelsäule besteht nicht wie bei mir aus einer Gummi-Aluminium-Konstruktion, sondern aus einzelnen nachgebildeten Wirbeln. «Carl», sagt meine Hilde immer, «nimm dir doch mal ein Beispiel an Curt, der ist immer auf dem neusten Stand der Technik.» Wenn Sie wüssten, wie mir diese Vergleiche auf den Keks gehen. Das Schlimmste daran: Wenn ich mich ärgere, verheddern sich die Drähte in meinem Innern.

Ob es Hilde passt oder nicht: Ich bin nun mal ein Durchschnittstyp. «Standard-Dummy» nennen sie mich oder «50-Prozent-Mann». Ich bin der Otto Normalverbraucher unter den so genannten anthropomorphen Puppen. 50 Prozent der Bevölkerung sind kleiner oder leichter als ich. Hilde hingegen ist sehr zierlich; sie ist eine 5-Prozent-Frau und somit kleiner als 95 Prozent der weiblichen erwachsenen Bevölkerung. Auch wenn meine Arbeit sehr belastend ist, für mehr Sicherheit leiste ich gerne vollen Körpereinsatz. Krisensicher ist mein Job auch: Dummys wie mich wird es immer brauchen. Darum macht mir die menschliche Konkurrenz keinen grossen Eindruck. Da soll es so einen verrückten Amerikaner geben, der sein Geld als lebendiges Crashtest-Dummy verdient: William R. Haight hat bereits über 740 Kollisionen relativ unbeschadet überstanden und sich ins «Guinness Buch der Rekorde» eintragen lassen. Aber wenn diesem Irren einmal wirklich etwas Schlimmes passiert, kann er sich nicht einfach in der Werkstatt ein neues Bein anschrauben lassen. Da bin ich eindeutig im Vorteil.

 

Aus: Bulletin der Credit Suisse 4.04