texthafen - Spracharbeiten

Pareglish, Volksmusiker

«Weg mit den verkrusteten Traditionen»

«räm-dä-däm-dä-däm-däm-däm», «Ankebälleli», «Ländler meets Klezmer». Die Titelwahl, die die Innerschweizer Band «pareglish» für ihre Stücke trifft, verwirrt Ländlerfreunde und jene, denen sich das Nackenhaar beim Gedanken an Schweizer Volksmusik sträubt. Der Name, «pareglish»: ein Muothataler Dialektausdruck, übersetzt heisst er «giggerig». Kein Alpenglühen weit und breit, keine Fahnenschwinger. Stutzig macht auch die Besetzung: Schwyzerörgeli, Klarinette, Klavier, wie es sich gehört. Aber was sollen Elektrobass, Harmonium und Synthesizer? Markus Flückiger, Schwyzerörgeli; Dani Häusler, Klarinette; Bruno Muff, Piano; Hans Muff, Bass.

Seit 1997 sind sie als pareglish unterwegs, verunsichern Ländlerkonsumenten und eröffnen Volksmusikhassern neue Horizonte. Der Mix aus Volksmusik verschiedenster Länder, mit einem Schuss Klezmer, begeistert Publikum wie Presse und brachte der Band schon im Gründungsjahr den Prix Walo in der Sparte Volksmusik. Die Band hat die Auszeichnung zwar gerne entgegengenommen, für die vier Musiker ist sie aber kein Anlass für ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Was zählt, ist die Musik, die die vier Jungs mit viel Elan, Witz und Herzblut machen. Doch nicht nur das Publikumeroberten sie im Sturm. Auch in der herkömmlichen Volksmusikszene stiessen sie auf viel positives Echo. «Wir hatten schnell Erfolg bei den Musikanten», sagt Markus. «In der Ländlermusik wird viel Wert auf die technische Ausführung gelegt. Wenn du schneller spielen kannst als die anderen, bist du schon mal gut», ergänzt Dani. Die Beherrschung der traditionellen Ländlermuster sicherte den Jungs die Anerkennung der alten Volksmusikhasen.«Wir hatten am Anfang ganz bewusst die urchigen Schnellschottisch im Programm», erinnert sich Hans. «Dani konnte auf der Klarinette brillieren, ich am Bass. Da konnten die Puristen sagen, ‹es ist zwar kein richtiger Bass, aber er kanns wenigstens›». Sie könnten ja, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht. Nicht mehr.

Alle sind sie mit der Volksmusik aufgewachsen. Hans und Bruno als Söhne der Ländlerikone Hans Muff. Markus entdeckte als Siebenjähriger das Schwyzerörgeli und ist seitdem nicht mehr davon losgekommen. Dani studierte Klarinette am Konservatorium Luzern. Volksmusik ist der rote Faden, der sich durch ihre Musik zieht. Aber auch andere Musikstile stehen Pate bei Kompositionen und Arrangements. Am Anfang spielten sie noch leicht modifizierte Ländlermusik. Markus: «Wir waren als Ländlerkapelle mit dem E-Bass die Sensation. Aber nur herkömmliche Stücke aufpeppen, das finden wir heute nicht mehr spannend.» Im Vordergrund steht die Spielfreude, Experimente sind an der Tagesordnung. Sporadische Zusammenarbeit mit Gastmusikern wie dem Ländlergeiger Noldi Alder oder mit Anton Bruhin, dem König des «Trümpi», der Maultrommel, prägt die Musik von pareglish ebenso wie die Suche nach neuen Klängen, die auch mal vom Computer erzeugt werden dürfen. Tradition ehren, weiter entwickeln, aber nicht konservieren.«Wir möchten von den gängigen Arrangements wegkommen, weil wir spüren, dass die Aussage der Musik viel besser zur Geltung kommt, wenn das Verkrustete wegfällt», erklärt Dani.«Wir leben jetzt. Sogar die hinterletzten Traditionalisten fahren Auto und surfen auf dem Internet. Wir begreifen nicht, wieso gewisse Leute heute noch auf dampfbetriebener Musik bestehen», wehrt sich Hans gegen die Reduitmentalität von Verfechtern einer Volksmusik in Reinkultur. Seit geraumer Zeit rollt eine Ethnowelle durch die Musikwelt.

Davon profitieren auch pareglish. Bruno: «Bei uns spielt der Volksmusikbonus sicher eine Rolle. Für viele ist Ländlermusik ein Heimatersatz, die Suche nach etwas, das verloren gegangen ist.» So wird die Musik von pareglish auch regelmässig Objekt von mehr oder weniger weit hergeholten Interpretationen seitens des Publikums. «Wir wollen nichts weiter, als auf der Bühne stehen und Musik machen», versichern alle vier einhellig. Und: «Wir wollen keine Botschaft verbreiten». Auf ihrer Website tun sies doch: «Die vier Musiker verstehen sich nicht als reine Volksmusik-Interpreten, sie selbst sind ein Stück Volksmusik, ein heutiges Stück.» Und bestimmt auch eines von morgen.


Aus: Bulletin der Credit Suisse 3.01