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Dirigent Valery Gergiev

«Ich kämpfe gegen die kulturelle Armut»

Valery Gergiev ist einer der charismatischsten und engagiertesten Dirigenten der Gegenwart. Woher nimmt er nur seine Schaffenskraft? Und was fasziniert ihn am World Orchestra for Peace?

Wie funktioniert das World Orchestra for Peace, das sich aus Musikern aus so vielen Nationen und Orchestern zusammensetzt?
Grossartig. Bei unserem ersten Auftritt 1998 in Baden-Baden geschah etwas Erstaunliches. Schon in den ersten 20 Sekunden sprang der magische Funken. Da muss man nicht viel sprechen, nicht viel erklären. Die Musik ist einfach stärker als alles andere.

Ist es nicht schwieriger, mit diesem Orchester zu arbeiten als mit einem, das organisch zusammengewachsen ist?
Nun, eigentlich existiert «das» World Orchestra for Peace gar nicht. Wir müssen uns jedes Mal fragen, wer wohl beim nächsten Mal mit dabei sein wird. Das braucht eine ausgezeichnete Planung. Vielleicht brauchen wir mehr Proben als mit einem normalen Orchester. Aber ich denke, dieses Orchester ist besser als die meisten andern. Es ist nicht so gut, weil es schon seit vielen Jahren existiert, sondern weil die einzelnen Mitglieder so gut sind. Letztes Mal hatten wir 14 Konzertmeister unter den Ersten Geigen. Stellen Sie sich das mal vor! So etwas gibt es sonst kaum.

Aber ein gutes Orchester ist doch wohl mehr als die Summe seiner Teile?
Bei uns spielt die Begeisterung, die Hingabe für das Projekt, eine grosse Rolle. Wir zwingen niemand, beim World Orchestra for Peace mitzuspielen. Es gibt auch keine Verträge. Doch die Idee, die hinter diesem Orchester steckt, begeistert viele. Es geht darum, sporadisch mit Kollegen aus der ganzen Welt auf allerhöchstem Niveau zu musizieren. Das erfordert fantastischen Goodwill von allen. Niemand zwingt die Musiker, um die halbe Erde zu fliegen, nur um bei diesem Orchester mitzumachen und danach in einer knappen Woche in vier Städten zu spielen und unzählige Flugmeilen zu absolvieren. Aber alle fühlen, dass sie diese einmalige Chance ergreifen müssen. Natürlich lockt auch die Vorstellung, mit Musikern aus 70 verschiedenen Orchestern zu spielen.

So viele brillante Musiker auf einem Haufen, gibt das keine Konkurrenzprobleme?
Diese Situation ist für mich als Dirigenten faszinierend. Ich habe aber auch eine besondere Verantwortung, denn ich muss sehr einfühlsam sein und ein freundschaftliches, kreatives Umfeld schaffen. Die Musiker gehen sehr kollegial miteinander um, hören sich gegenseitig gut zu. Es sind alles sehr hoch qualifizierte Musiker. Die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Grundlage unserer Arbeit ist das Glück, zusammen musizieren zu können. Ich meine, es würde der Welt nicht schaden, wenn die Führer der verschiedenen Nationen auch ab und zu miteinander «Musik» machten oder ein bisschen mehr miteinander redeten.

Was möchten Sie erreichen mit dem World Orchestra for Peace?
Wir möchten mit unserer Musik so viele Menschen wie möglich erreichen; in China, Russland, Berlin und auch in London, wo es am Fernsehen übertragen wird. Viele werden unsere Musik zum ersten Mal hören. Wir haben französische, deutsche, italienische und russische Musik im
Repertoire. Wir hoffen, dass wir mit unserer Programmauswahl die ganze Welt ansprechen können, denn ich möchte die kulturelle Armut bekämpfen.

Was meinen Sie damit?
Nehmen wir als Beispiel meine Heimat Russland: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war das erste, was mir auffiel, dieser graue Einheitsbrei. Alles wurde immer grauer und grauer. Zu Sowjetzeiten gab es noch Live-Übertragungen aus dem Bolschoi- und dem Mariinski-Theater, grosse Balletttänzer und geniale Musiker wie David Oistrach und Swjatoslaw Richter wurden am Fernsehen gezeigt. Das ist leider vorbei. Nun werden wir auch in Russland genauso berieselt wie in allen andern Ländern. Das ist für mich kulturelle Armut. Und das in meiner Heimat zu sehen, die kulturell so reich ist, schmerzt mich umso mehr. Das Sowjetsystem war schlecht für die Menschen, aber nicht für die Musik.

Sie waren schon einmal mit einem russischen Orchester in China. Wie hat das chinesische Publikum auf die Musik reagiert?
Mein erstes Konzert in China, in Schanghai, enttäuschte mich ein wenig. Für meinen Geschmack hatte es viel zu viele westliche Gesichter im Publikum. Ich sagte dem Veranstalter, dass ich nicht in China auftreten wolle, wenn dann im Publikum doch 75 Prozent Europäer sässen. Ich wollte in erster Linie für junge Leute spielen, für Leute, die sonst keinen Zugang zu klassischer Musik haben. Ich bestand darauf, dass man die Säle auch für sie öffnet, denn ich wollte so vielen Jungen wie möglich die Chance geben, uns zu hören. In Beijing hatten wir dann ein volles Haus, das Publikum bestand fast zu 100 Prozent aus Chinesen.

Was hat Sie sonst noch beeindruckt?
China befindet sich in einem sehr dynamischen Entwicklungsprozess. Das macht sich auch im musikalischen Bereich bemerkbar. Immer mehr entdecken die Chinesen auch die westliche klassische Musik. Junge Musiker müssen nicht mehr unbedingt in Berlin oder London studieren, sondern können zu Hause mit guten Lehrern arbeiten. Klassische Musik hat eine grosse Zukunft in China. Ich hatte auch das Glück, zwei der bekanntesten chinesischen Musiker kennen zu lernen. Mittlerweile sind der Pianist Lang Lang und der berühmte Komponist Tan Dun meine Freunde geworden. Fabelhaft war ausserdem, dass unser Konzert in Beijing im Fernsehen übertragen wurde. Wir hatten rund 400 Millionen Zuschauer. Stellen Sie sich das einmal vor! Das sind etwa so viele wie bei einem richtig grossen Fussballendspiel.

Das Orchester trägt den Frieden im Namen, und an allen Orten, die Sie besuchen, herrscht auch Frieden. Sollten Sie nicht eher in Konfliktgebiete reisen?
Vor einiger Zeit wurde ich an einer Veranstaltung im British Museum in London gefragt, ob ich mit dem Kirow-Orchester nach Tschetschenien reisen würde. Meine Antwort war Nein. Ich trage die Verantwortung für dieses Spitzenorchester; ich kann nicht 100 Menschenleben aufs Spiel setzen. Wenn es nur um meine eigene Person ginge, würde ich ohne Zögern sofort hingehen. Es ist leider immer noch so, dass der Kaukasus, wo ich herkomme, sehr instabil ist. Es kommt jetzt darauf an, dass die Führer in dieser Region begreifen, wie wichtig Stabilität, Schulbildung und wirtschaftliche Entwicklung sind. Leider gibt es noch zu wenige Leader, die das begriffen haben und die wirklich Frieden wollen. Alle sagen: «Wir sind die grössten!» Jede Nation ist gross, jede Nation ist einmalig und bringt grosse Leute mit viel Talent hervor. Was der Kaukasus braucht, was die Welt braucht, ist mehr Musik, denn sie kann für alle eine gemeinsame Basis zur Verständigung sein.

Was tun Sie konkret für den Frieden?
Seit gut sieben Jahren setze ich mich dafür ein. Nehmen wir Eilat und Akkaba: Nur ein kleines Stück Rotes Meer trennt das israelische Eilat vom jordanischen Akkaba. Man kann in zwei Minuten hinüberschwimmen – je nachdem, wie gut man schwimmt (lacht). Zusammen mit Freunden in Eilat habe ich das «Red Sea Festival» gegründet. Es verbindet Israel und Jordanien. Als Ossete kenne ich die Probleme, die entstehen, wenn verschiedene Religionen koexistieren. Auch im Kaukasus leben Christen und Muslime zusammen. Das kann man nicht ändern. Muslime, Christen, Russen, Tschetschenen, Usbeken, alle müssen irgendwie zusammen klarkommen. Auch hier habe ich ein Festival gegründet: «Peace for the Caucasus».

Sie leiten sporadisch das World Orchestra for Peace. Berühmt geworden sind Sie mit dem Mariinski-Theater in St. Petersburg.
Das Mariinski ist schon immer sehr berühmt gewesen. An dieser Institution haben einige der grössten Namen aus der Musikwelt wie Verdi, Tschaikowski und Mahler gewirkt.

Welchen Herausforderungen mussten Sie sich stellen, als Sie die Leitung des Theaters übernahmen?
1988 wurde ich zum künstlerischen Direktor gewählt. Ich hatte vor allem mit Problemen von aussen zu kämpfen. Ich war mit 34 recht jung für einen solchen Posten. Ich spürte bald, dass ich mehr Verantwortung übernehmen wollte. Eines hat mir von Anfang an geholfen: Ich war gewählt worden, nicht ernannt. Das ist ein grosser Unterschied. Wenn man von einem Minister ernannt wird, kommt das bei der Künstlerfamilie nicht unbedingt gut an, die kritische Distanz ist gross. Ich aber war von den Künstlern selbst gewählt worden und hatte ihr Vertrauen. Das war und ist ein wichtiges Element in unserer gemeinsamen Arbeit. Dieses Vertrauen gibt mir auch die Extraportion Energie, um mehr als gewöhnlich zu arbeiten. Es stimmt: Ich verlange sehr viel von meinen Leuten, aber noch viel mehr von mir selbst. Ich arbeite härter als alle anderen.

Dieser Ruf eilt Ihnen voraus...
In der Presse wird viel über mich geschrieben. Die können schreiben, was sie wollen. Aber eines ist nicht wahr: Dass ich mich verzettle mit der Arbeit mit zu vielen verschiedenen Orchestern. Für mich ist und bleibt das Mariinski mein Theater und darauf konzentriere ich mich. Es ist mein Orchester und ich fühle mich dafür verantwortlich. Das Mariinski-Theater hat bei mir oberste Priorität. Immer.

 

Zur Person
Valery Abissalowitsch Gergiev wurde 1953 in Moskau als Sohn ossetischer Eltern geboren. Als er fünf war, zogen seine Eltern zurück ins ossetische Vladikawkas. Beinahe wäre dort eine der erstaunlichsten musikalischen Karrieren unserer Zeit im Keim erstickt worden: Nach der Aufnahmeprüfung für eine Musikschule befand eine Expertin, der kleine Gergiev sei «absolut untalentiert, habe kein Gedächtnis, kein Rhythmusgefühl, keine Gabe für die Musik». Seine Mutter glaubte jedoch an ihn. Gergiev studierte schliesslich am Leningrader Konservatorium bei Ilia Musin und gewann 1977 den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Russland wurde er Assistent von Juri Temirkanow am Mariinski-Theater, wo er 1978 mit Prokofjews «Krieg und Frieden» debütierte. 1988 wurde der Dirigent zum künstlerischen Leiter gewählt, seit 1996 leitet er die Geschicke des Mariinski als Generaldirektor. Valery Gergiev lebt mit seiner Familie in St. Petersburg.

Aus Bulletin der Credit Suisse 3.05