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Clown Dimitri

«Lachen ist ein notwendiger Luxus»

Mit seinem feinsinnigen Humor, der ohne viele Worte auskommt, begeistert der Schweizer Clown Dimitri seit Jahrzehnten ein weltweites Publikum. Im Interview spricht der Mime über Luxus, Lachen und Leidenschaft.

Dimitri, ist Humor Luxus?
Vielleicht ist es so, dass Humor zum Luxus wird, weil in der heutigen Welt das Lachen immer mehr Menschen vergeht. Ist Humor Luxus? Ich würde gerne definieren, was für mich persönlich Luxus ist: sicher kein teures Auto. Luxus bedeutet für mich sich wohl zu fühlen. Es ist ein Luxus, dass ich gesund sein darf, in Frieden leben kann, liebe Freunde habe. Das alles ist für mich Luxus im positiven Sinn. Und an erster Stelle stehen für mich das Lachen und der Humor. Um sich wohl zu fühlen, muss man lachen können. Lachen ist also ein notwendiger Luxus.

Allgemein ist Luxus das, was das gesellschaftlich Notwendige oder Übliche übersteigt.
Es stellt sich nun die grosse Frage: Ist Kunst, sind Bilder, Skulpturen, Musik wirklich Luxus? Wir könnten theoretisch ohne all das leben. All diese Dinge liegen jenseits des Normalen und absolut Notwendigen. Und trotzdem gibt es sehr viele Menschen, die sagen, ohne Kultur und ohne Kunst könne man nicht existieren. Ohne Kunst würde die Menschenseele verkümmern. Mit Kultur lebt man, ohne sie überlebt man. Negativ empfinde ich Luxus, wenn er der reinen Protzerei dient. Wenn alles Sichtbare möglichst teuer sein muss, wenn zum Beispiel der Schah von Persien sich nur um des Prunkes Willen eine goldene Badewanne leistete. Es gibt heute sicher immer noch Reiche, die mit den Kunstwerken prahlen, die sie gekauft haben. Doch die meisten sind wirkliche Liebhaber. Wenn sie es sich leisten können und wollen, spricht nichts dagegen. Obwohl ich es besser finde, wenn dieser Luxus im Museum hängt, wo ihn alle betrachten können.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird Kultur schnell einmal zum Luxusgut.
Das stimmt leider. Doch ich bin zum Glück in meiner Arbeit nicht so davon betroffen. Als Clown kann ich gut leben, ich habe immer Engagements, bin sehr gefragt. Beim Teatro Dimitri und der Scuola Dimitri hingegen macht sich diese Tendenz bemerkbar, auch wir leiden unter den Budgetkürzungen. Wenn man Kultur als nicht absolut notwendiges «Übel» betrachtet, dann ist klar, dass man dort in erster Linie streicht. Wenn der Rechtstrend weiter zunimmt, dann mache ich mir wirklich Sorgen um die Kultur.

Welchen Luxus leisten Sie sich?
Mein grösster persönlicher Luxus ist meine Sammelleidenschaft: Ich sammle Masken, Instrumente, Elefanten. Auch Bilder, sofern sie etwas mit meinem Beruf zu tun haben. Ein grosser Teil meiner Sammlung befindet sich nun in einem Museum, das mein Freund Harald Szeemann für mich eingerichtet hat. Ich liess ihm bei der Auswahl und Gestaltung völlig freie Hand. Meine andere Leidenschaft ist gutes Essen. In dieser Beziehung bin ich sehr verwöhnt, denn meine Frau Gunda kocht wunderbar.

Ihre Kunst kommt über weite Strecken ohne Worte, ohne gesprochene Sprache aus. Ist Sprache bei Ihnen Luxus – im Sinne des nicht Notwendigen?
(überlegt eine Weile) Das ist eine raffinierte Auslegung. Aber trotzdem ist es nicht so, dass alles, was man sparsam einsetzt, zum Luxus wird. Bei mir ist es eine Stilfrage. Meine Sprache ist hauptsächlich nonverbal. Und wenn ich ab und zu Worte gebrauche, dann betrachte ich es nicht als etwas Luxuriöses, nur weil ich es nicht unbedingt brauche.

Hatten Sie nie Lust, auf der Bühne zu sprechen?
Ich spiele drei verschiedene Programme. «Porteur» kommt ganz ohne Worte aus. In «Teatro» wiederum benutze ich eine Fantasiesprache, ich imitiere verschiedene Sprachen in meinem ganz persönlichen Kauderwelsch. In meinem dritten Programm «Ritratto» habe ich als «cantastorie», als Erzähler, eine Sprechrolle. Ich erinnere mich noch gut an die Reaktionen, als ich dieses Programm zum ersten Mal aufführte. Da schrieb die Presse: «Dimitri bricht das Schweigen». Ich spielte auch schon die Rolle des Teufels in der «Geschichte vom Soldaten». Aber meine Hauptspezialität liegt sicher im Stummen, im Mimischen.

«Durch Lachen verbessere ich die Sitten», soll Horaz gesagt haben. Wieso will Dimitri die Menschen zum Lachen bringen?
Lachen ist etwas sehr Wichtiges, auch kulturell gesehen. Es gibt aktuelle Forschungen, die aufzeigen, dass Kinder in der Schule besser lernen, wenn sie ab und zu lachen können. Ich bringe die Menschen gerne zum Lachen, habe dabei aber nicht wie Horaz moralische oder gar missionarische Absichten. Ich will ein guter Künstler sein und die Leute gut unterhalten.

Worüber können Sie lachen?
Ich bin ein sehr guter Lacher! Wenn ein guter Clown auftritt, dann kann ich ganz herzhaft lachen. Einer meiner Lieblingsfilme ist über den Clown Grock, da muss ich heute noch lachen. Es gibt grossartige Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harry Langdon und den Marx Brothers, die mich sehr zum Lachen bringen. Mich bringt aber auch ein kleines Kätzchen, das mit einem Wollknäuel spielt oder aus lauter Übermut und Spielfreude einen Vorhang hinaufklettert, herzhaft zum Lachen.

Und wann vergeht Ihnen das Lachen?
Bei all den tragischen Dingen, die heute auf der ganzen Welt passieren. Vor allem, wenn Kinder leiden, keine Familie mehr haben, vom Krieg traumatisiert sind. Da vergeht mir das Lachen gründlich.

In Ihrer Autobiografie stellen Sie sich die Frage, ob Sie es überhaupt noch vertreten können, ein «liebevoller, unpolitischer Clown» zu sein ...
Das ist eine Frage, die man sich als Clown oft stellt. Manchmal bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen, dass ich den Clown spielen darf und mich so über die ganzen Tragödien der Welt hinwegsetzen kann. Dann muss ich mir selber einreden, dass Humor wichtig ist. Nein, der Mensch braucht das Lachen, er muss etwas Optimistisches, Positives haben, woran er sich halten kann. Humor ist eine gesunde, stärkende Nahrung für die Seele. Das bestärkt mich darin, mit diesem Beruf weiterzumachen. Ich kann entsetzt sein und traurig darüber, was in der Welt passiert, aber es ist kein Grund, nicht mehr aufzutreten. Oder mich plötzlich der Politik zu widmen. Als Künstler werde ich immer wieder angefragt, ob ich mich für ein bestimmtes Projekt einsetze oder mit meinem Namen dafür einstehe. Das tue ich gern und ich engagiere mich immer wieder für Flüchtlinge. Als Künstler wird man immer mit Politik konfrontiert. Aber selber in die Politik gehen würde ich nie, dazu wäre ich auch gar nicht fähig. Ich möchte meine Kunst nicht mit Politik vermischen. Politik frisst einen. Ich möchte frei bleiben.

Sie sind 68, der Grandseigneur der Schweizer Kleinkunstszene. Mehr als Sie kann man auf diesem Gebiet wohl kaum erreichen. Ihr Beruf ist körperlich und mental sehr anspruchsvoll. Wieso leisten Sie sich nicht den Luxus, sich von der Bühne zurückzuziehen?
Meine Arbeit macht mir grosse Freude. So lange ich körperlich und geistig dazu fähig bin, gibt es keinen Grund aufzuhören. Ich nehme es schon gemütlicher als früher, toure nicht mehr monatelang durch Amerika oder Japan. Heute gebe ich längere Gastspiele, bin vier bis fünf Wochen in der gleichen Stadt. Zusätzlich spiele ich noch rund 50 Mal pro Jahr in meinem eigenen Theater in Verscio. Das Tourneeleben, jeden Tag eine andere Stadt, ein anderes Hotel, ermüdet. Aber die reine Arbeit, das Auftreten und Spielen, macht mir immer noch unheimlich viel Spass. Ich sehe, dass ich anderen Menschen Freude geben kann, das treibt mich an; das Bedürfnis zurückzulehnen kommt gar nie auf. Das innere Feuer kennt kein Pensionsalter.


Zur Person
1935 kommt Dimitri in Ascona zur Welt. Bereits mit sieben Jahren weiss er, was er einmal werden will: Clown. Nach einer Töpferlehre in Bern lernt er das Handwerk von der Pike auf, wird Schüler des berühmten Mimen Marcel Marceau in Paris. 1959 kommt sein erstes Soloprogramm in Ascona zur Aufführung. 1970, 1973 und 1979 geht er mit dem Schweizer Nationalzirkus auf Tournee. Mit seinen Soloprogrammen bereist er immer wieder alle fünf Kontinente. Zusammen mit seiner Frau Gunda gründet er 1971 das Teatro Dimitri in Verscio, 1975 die Scuola Dimitri, 1978 die Compagnia Teatro Dimitri, für die er fast alle Stücke kreiert. 2000 gründet er zusammen mit dem Ausstellungsmacher Harald Szeemann das Museo Comico in Verscio. Dimitri und Gunda leben in Verscio. Sie haben fünf Kinder: Mathias, Ivan, David, Masha und Nina.

Aus: Bulletin der Credit Suisse 6.03