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Piano-Duo Labèque

«Klassische Musik stirbt nie»

Sie sind brillant. Sie sind schön. Sie sind Schwestern. Und sie sind eines der berühmtesten Piano-Duos: Die Französinnen Katia und Marielle Labèque sprechen über Partnerschaft, Vorbilder und den Zustand der klassischen Musik.

Katia und Marielle Labèque: Sie sind Schwestern, haben ein Leben lang miteinander musiziert. Müssen Sie heute überhaupt noch zusammen üben?
K. Und wie! Wir üben und proben beinahe täglich, vor allem in letzter Zeit, weil wir gerade ein neues Projekt auf die Beine stellen. Wir leben zusammen in einem Haus in der Nähe von Florenz, aber momentan gehen wir für die Proben nach Fiesole in die Musikakademie. Unsere Nachbarn würden sich schön beschweren, wenn sie täglich unseren Proben zuhören müssten.

Gehen Sie sich manchmal auf die Nerven?
K. Ja, natürlich. Wir streiten uns oft.

Worüber?
K. Hauptsächlich über die Musikauswahl.
M. Wo keine Liebe ist, gibts auch keinen Streit.

Was ist denn so schwierig an der Musikauswahl?
K. Das Repertoire für Piano-Duo ist limitiert: Für Rezitale gibt es ziemlich viel Literatur, für zwei Klaviere mit Orchester ist die Auswahl schon nicht mehr so gross. Im Barock hingegen können wir aus dem Vollen schöpfen. Auch in der Musik des 20. Jahrhunderts gibt es viele Stücke für zwei Klaviere, aber in der Musik des 19. Jahrhunderts, die beim Publikum sehr beliebt ist, ist die Auswahl begrenzt. Aber gerade dieser Mangel spornt uns an, neue Stücke zu suchen. Das ist spannend und bringt uns weiter.
M. Wir spielen auch Transkriptionen von Stücken, die im Original nicht für unsere Besetzung komponiert wurden. Bernsteins «West Side Story» zum Beispiel werden wir zusammen mit Julio Barreto, einem kubanischen Perkussionisten spielen. Bernstein persönlich beauftragte seinen Arrangeur, das Stück für uns zu bearbeiten.

Wie definieren Sie Ihre Zusammenarbeit?
K. Ich denke, nach über 20 Jahren Zusammenspiel hat jede von uns gelernt, das zu tun, was sie möchte. Am Anfang mussten wir so vieles lernen. Wir sind ausgebildete Solistinnen, haben also keinen Abschluss als Duo gemacht. Daher mussten wir uns zusammen das ganze Repertoire erarbeiten. Wir waren so jung, wir hatten nicht mal die Zeit, uns zu fragen, ob wir das wirklich wollen. Ich war 16, als ich das Konservatorium mit einem ersten Preis abschloss, Marielle war 14 und schloss ebenfalls mit einem ersten Preis ab.

Warum sind Sie überhaupt ein Duo geworden?
M. Wir wollten unbedingt zusammen bleiben. Es ergab sich schnell die Gelegenheit, mit berühmten Komponisten wie Olivier Messiaen und Luciano Berio zusammenzuarbeiten. Diese Chance haben wir genutzt. Wenige Monate nach unserem Abschluss machten wir bereits unsere erste Plattenaufnahme. Eigentlich haben wir alles anders gemacht, als man es wohl üblicherweise anpackt. Wir haben zuerst neue Musik gespielt und uns erst später der klassischen Musik zugewandt.

Unterschiedlicher könnten Ihre beiden Temperamente nicht sein. Schlägt sich das auch auf Ihre musikalischen Vorlieben nieder?
K. Auf jeden Fall. Meine grosse Leidenschaft ist der Jazz. Mit meiner Band mache ich auch experimentelle Musik. Ich habe früher zusammen mit dem Gitarristen John McLaughlin gearbeitet, auch mit Jazzern wie Gonzalo Rubalcaba und Michel Camilo. Meine Schwester Marielle fühlt sich wohler auf dem Gebiet der Kammermusik.
M. In der Klassik gibt es eigentlich keine virtuosen Stücke für zwei Pianos. Das Piano-Duo an sich existierte im 19. Jahrhundert überhaupt nicht. Zwar gibt es Stücke für zwei Klaviere von Mozart und auch von Mendelssohn. Aber beide haben diese Stücke geschrieben, um mit ihren Schwestern musizieren zu können. Wenn ich etwas Herausforderndes spielen will, wende ich mich der Kammermusik zu.
K. Etwas ganz Wichtiges, das wir in all den Jahren gelernt haben, ist, einander nicht für selbstverständlich zu nehmen. Jede hat gelernt, sich das zu nehmen, was sie braucht, sich musikalisch auch ausserhalb des Duos zu bewegen. Den Mut zu haben, innerhalb der Partnerschaft auch egoistisch sein zu können und eigene Bedürfnisse anzumelden. Vielleicht ist das der Grund, wieso wir nach über 20 Jahren immer noch zusammenspielen. Nach dieser langen Zeit kennen wir die Höhen und Tiefen, die Vor- und Nachteile eines Piano-Duos in- und auswendig. Das Wichtigste und Schönste für uns ist aber immer noch, zusammen auf der Bühne stehen zu können.

In der klassischen Musik wird immer mehr Mainstream produziert. Woran liegt das?
K. Ich glaube nicht, dass die grossen Plattenlabels momentan auf dem richtigen Weg sind. Nur das zu produzieren, von dem man glaubt, dass es sich auch gut verkaufen wird, ist gefährlich. Kleine Labels wie das Jazzlabel ECM von Manfred Eicher sind da eine löbliche Ausnahme. Da merkt man, dass mit viel Wissen und Herzblut gearbeitet wird.

Aber es ist doch heute so, dass Plattenfirmen mehr von Geld als von Musik verstehen.
K. Wenn ich mir die gegenwärtige Situation in der Musikindustrie anschaue, muss ich feststellen, dass sie vom Geldmachen auch nicht allzuviel verstehen.
M. Früher war die Situation anders. Plattenfirmen entdeckten und förderten Talente. Heute gehts nur noch um eines: verkaufen, verkaufen, verkaufen.
K. Was die Musikindustrie heute dringend braucht, ist, dass die Leute, die in den Plattenfirmen das Sagen haben, auch etwas von Musik verstehen. Und nicht nur von Marketingstrategien. Leute, die Kreativität zulassen und Wagnisse eingehen, die nicht nur versuchen, ihre eigene Haut zu retten. Heute gibt es so unglaublich viele junge gute Musiker, das Niveau ist viel höher, als es noch vor 20 Jahren war. Diesen Leuten sollte man eine Chance geben

Aber es kann ja nicht nur die Schuld der Plattenfirmen sein, wenn klassische Musik bei einem breiten Publikum an Beliebtheit verliert.
K. Ganz sicher nicht. Obwohl gerne behauptet wird, das Publikum sei selbst schuld, muss man doch sagen, dass vielfach auch die Interpreten einen grossen Teil der Verantwortung tragen: Sie spielen einfach langweilig, sind uninspiriert. Es ist heikel, wenn man in der klassischen Musik den Standpunkt vertritt, man müsse die Musik konservieren. Wir dürfen nie vergessen, dass Bach, Mozart, Beethoven lebendige Menschen mit Ecken und Kanten waren; das wird einem schnell einmal klar, wenn man über ihr Leben liest.
M. Die Musik, die diese Komponisten geschaffen haben, war auf keinen Fall fürs Museum bestimmt. Heute besteht in der Welt der klassischen Musik die Tendenz, alles so zu behandeln, als ob es ins Museum gehörte. Das ist ein ganz falscher Ansatz. Wir müssen eine Balance finden zwischen Werktreue und Spielfreude.
K. Für mich ist es heute unvorstellbar, Barockmusik so zu spielen, wie das vor 20 Jahren der Fall war, auch von berühmten Interpreten wie Karajan. Musiker wie John Eliot Gardiner und Nikolaus Harnoncourt haben die Barockmusik renoviert, ihr frisches Leben eingehaucht. Für uns war das eine grosse Inspiration.

Wenn wir schon beim Museum sind: Müssten Musiker und Plattenfirmen sich nicht auch vermehrt auf zeitgenössische Musik konzentrieren?
K. Wir sind sehr daran interessiert, neue Musik zu entdecken und sie auch aufzuführen. Letztes Jahr haben wir intensiv auf diesem Gebiet recherchiert, auch zusammen mit unserer Freundin, der Geigerin Victoria Mullova. Eine gewisse Art zeitgenössischer Musik wurde lange Zeit sehr gehätschelt und unterstützt. Musik, die sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt und nicht fähig ist, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ich habe grosse Mühe mit diesem Ansatz, er ist sehr elitär. Und es hat dazu geführt, dass immer weniger Leute ins Konzert gehen, wenn neue Musik auf dem Programm steht.
M. Wir möchten mit jungen Komponisten zusammen arbeiten, die sich wie wir gegen dieses elitäre Getue auflehnen. Man kann sehr wohl zeitgenössische Musik machen, ohne arrogant sein zu müssen.
K. Aber was mir am meisten Sorgen macht, ist, dass die musikalische Erziehung der Kinder und Jugendlichen immer mehr als unwichtig erachtet wird. Früher ging man noch öfter ins Konzert. Heute muss an allen Ecken gespart werden, und als erstes fällt immer die musikalische Erziehung den Sparmassnahmen zum Opfer.
M. Heute ist das Angebot an Unterhaltung so riesig, da schauen sich die Jugendlichen lieber einen Videoclip mit Madonna an.
K. Es macht mich sehr traurig, dass die musikalische Erziehung so an Bedeutung verliert.

Was würden Sie denn dagegen unternehmen?
M. Ich denke, Fernsehen wäre das richtige Medium für musikalische Erziehung – wenn man weiss, wie mans machen muss.
K. Wir leben im Zeitalter der Bilder, die Leute fühlen sich zum Visuellen hingezogen. Leonard Bernstein hat das schon in den Sechzigerjahren erkannt. Mit seinen «Young People’s Concerts» war er sehr erfolgreich. Er hatte genau die richtige Persönlichkeit dafür, war begeisterungsfähig und konnte eben auch andere begeistern.

Wer sind Ihre Vorbilder?
M. Robert Levin ist ein Pianist, den ich sehr bewundere. Er kennt sich sehr gut aus in der Barockmusik, spielt Fortepiano, Harfe, Piano. Er unterrichtet in Harvard, und hat ein fantastisches musikalisches Wissen. Mit ihm über Musik zusprechen ist etwas vom Schönsten und Interessantesten für mich.
K. Ich könnte Dutzende von Leuten erwähnen. Viele Jazzmusiker: Miles Davis, John Coltrane, Bill Evans, Billie Holiday. Jazz spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich denke, Jazz ist im Begriff eine andere Form der klassischen Musik zu werden. Im letzten Jahr ist aber auch ein eher unbekannter Musiker sehr wichtig für mich geworden: Marco Postinghel, Fagottist beim Bayerischen Rundfunkorchester. Er ist noch sehr jung, aber er weiss so unheimlich viel über Musik, wir können viel von ihm lernen. Er ist einer der besten Musiker, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Das Tourneeleben ist sehr anstrengend. Wie erholen Sie sich davon?
M. Ich gehe in die Berge, wandere gerne. Ich verbringe gerne Zeit in der Natur. Oft gehe ich ins Baskenland, wo unsere Familie herkommt und wir immer noch ein Haus haben. Die Natur dort ist fantastisch, keine Menschenseele weit und breit, wilde Pferde. Einfach Natur pur. Ich brauche das viel mehr als meine Schwester Katia. Ich stehe morgens auch gerne früh auf, sie bleibt lieber im Bett und schaut fern.
K. Oder ich höre Musik, neue Musik, gehe aus mit den anderen zwei aus meiner Band. Wenn ich nach draussen gehe, reichen mir zehn Minuten meistens, dann gehts wieder zurück aufs Sofa.
M. Ich kann mich noch gut erinnern: Etwa vor zehn Jahren habe ich ihr Wanderschuhe geschenkt. Das Preisschild ist immer noch dran.


Dieses Interview entstand im Frühsommer 2002 nach einem Konzert der Labèques in der Tonhalle Zürich.