texthafen - Spracharbeiten

Sprachkritik

Das Ammenmärchen vom Sprachverfall

Das Internet sei schuld am allgemeinen Sprachverfall. Das behaupten Kulturpessimisten. Stimmt nicht, erwidern die Sprachwissenschaftler. Und überhaupt: welcher Sprachverfall?

«Führt das vom Englischen dominierte Internet das Ende anderer Sprachen herbei?» Solche Fragen geistern immer wieder durch die Medien. Als «grosses Risiko für die Menschheit» bezeichnete der französische Präsident Chirac einst den Einfluss, den das Internet auf die Sprachen habe. Wirklich neu sind solche Klagen und Ängste nicht. Schon von jeher wird bei jeder technischen Innovation gerne auch gleich der Untergang des Abendlandes prophezeit. Beispiel Buchdruck: Die Kirche bezeichnete die neue Technologie als Teufelswerk und sah dadurch unzählige Seelen dem Fegefeuer anheim fallen. Einige hundert Jahre später waren mit der Erfindung des Telefons und der elektronischen Medien gleich die nächsten kulturellen und gesellschaftlichen Weltuntergänge vorprogrammiert.

Es droht die allgemeine Verblödung
Täglich nutzen Millionen von Menschen das Internet: zu Informationsbeschaffung und
-austausch, zum Einkaufen oder auch nur zur Unterhaltung. Kulturpessimisten befürchten jedoch bereits, die neuen Kommunikationsformen, die das Internet bietet, trügen zum Sprachverfall, wenn nicht gar zur allgemeinen Verblödung bei. «Die Netzsprache ist ein ‹Pidginenglisch›, improvisiert und regellos, dem Einfluss hunderttausender Jugendlicher ausgesetzt, die im Sprachunterricht schlechte Noten erhalten haben», schreibt Juan Luis Cebrián in «Im Netz – die hypnotisierte Gesellschaft», seinem Bericht an den Club of Rome.

«Jede Zeit sagt, dass derzeit die Sprache so gefährdet und von Zersetzung bedroht sei wie nie zuvor. In unserer Zeit aber ist die Sprache tatsächlich so gefährdet und von Zersetzung bedroht wie nie zuvor. Der Journalismus ist schuld, der geschriebene Journalismus und der gesprochene des Radios und des Fernsehens», schrieb der österreichische Autor Hans Weigel 1974 in seinem sprachkritischen Buch «Die Leiden der jungen Wörter». Man ersetze «Journalismus» mit «Internet» und formuliert so die Klage des 21. Jahrhunderts. Die Angst vor dem Sprachverfall ist jedoch nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. So soll sich der britische Thronfolger Prinz Charles öffentlich über die zunehmende Verunreinigung des britischen durch das amerikanische Englisch gesorgt haben. Es zeigt sich: Wer sich sorgen möchte über den Zustand der Sprache(n), findet immer einen Anlass. Ob die Sprache wirklich am Rand des Abgrunds steht, darüber gehen die Ansichten von Wissenschaft und Öffentlichkeit jedoch weit auseinander.

Die Wissenschaft wundert sich
In der Sprachwissenschaft ist der Sprachverfall, wie er in der Öffentlichkeit thematisiert wird, eigentlich gar kein Thema. Rudi Keller, Professor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, hebt in diesem Zusammenhang – nicht ohne Augenzwinkern – drei Punkte hervor: «Erstens: Seit mehr als 2000 Jahren ist die Klage über den Verfall der jeweiligen Sprachen literarisch dokumentiert, aber es hat bislang noch nie jemand ein Beispiel einer ‹verfallenen Sprache› benennen können. Zweitens: Vom Verfall bedroht ist offenbar immer die jeweils zeitgenössische Version der jeweiligen Sprache. Kein britischer Prinz würde heute darüber klagen, dass das wundervolle Angelsächsisch zu dem völlig gallifizierten Neuenglisch verkommen ist. Drittens: Sprachkritik ist – und auch das sollte zu denken geben – stets Fremdkritik, Kritik am Sprachgebrauch der andern. Die Klage ‹Was schreibe ich doch für ein verwahrlostes Deutsch im Vergleich zu meinen Grosseltern›, diese Form der Selbstkritik ist äusserst rar.» Was als Sprachverfall wahrgenommen wird, ist ein Sprachwandel an sich, aus der historischen Froschperspektive betrachtet. Wer die Sprache durch ein schmales Zeitfenster betrachtet, erkennt viele Fehler. Keller weist jedoch darauf hin, dass die systematischen Fehler von heute mit grosser Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen seien. «Solange die Vergangenheit von ‹schrauben› noch ‹schrob› lautete, machte der, der ‹schraubte› sagte, einen Fehler. Heute machen wir alle diesen ‹Fehler› und genau deshalb ist es keiner mehr.»

Sprache hat keinen Optimalzustand
Die These vom Sprachverfall basiert laut Jürgen Spitzmüller, Assistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich, auf zwei Fehlannahmen: «Erstens setzt sie voraus, dass das Deutsche einmal einen Optimalzustand gehabt hätte, von dem es sich nun entferne. Zweitens geht sie davon aus, dass das Deutsche eine Einheit sei, für die bestimmte Normen gelten. Deutsch besteht aus vielen Stilen, die je nach Situation eingesetzt werden.» Goethe habe auch nicht so gesprochen, wie er schrieb. Hinter der Angst vor dem Sprachverfall ortet er kollektive Ängste vor Veränderung, die mit der Sprache an sich nur wenig zu tun hätten. Der Germanist Fritz Tschirch schrieb 1967: «Hätte die seit Jahrhunderten vorgebrachte These des Sprachverfalls Recht, würden wir heute vor einem Scherbenhaufen stehen, dass keiner den anderen mehr zu verstehen vermochte.» Auch 2004 kann von einem sprachlichen Scherbenhaufen keine Rede sein. Trotz neuer Kommunikationsmöglichkeiten wie dem Internet.


Aus: Bulletin der Credit Suisse 3.04